Quelle: Bürgerverein Anrath e.V. | www.buergerverein-anrath.de | Stand: 10. Jul. 2013

Die Mundart stirbt so langsam aus

von Ingrid Flocken - aus der Rheinischen Post vom 11.4.2008

Die Frage „Stirbt die Mundart?" beantwortete Dr. Georg Cornelissen jetzt den Mitgliedern des Viersener Vereins für Heimatpflege so: "Eine Sprache stirbt nicht. Sie stirbt aus, jeden Tag ein wenig. Wie eine Tier- oder Pflanzenart - mit jedem Sprecher, der beerdigt wird." Der Leiter der Abteilung Sprachforschung im Amt für rheinische Landeskunde Bonn arbeitet zurzeit an einem Buch, das dieses Thema behandelt.

Bis ins Mittelalter

Cornelissen geht dabei bis in Mittelalter - zurück und stellt - zum Schrecken der Anwesenden - fest: „Wir Rheinländer und speziell die Niederrheiner zwischen Kleve und Düsseldorf sind sprachlich gesehen Niederländer. Deutsch wurde erst im 16. Jahrhundert eingeführt. Deshalb haben wir immer damit Probleme gehabt. Es ist für uns, im Gegensatz zu Bayern, Sachsen oder Hessen, immer eine Fremdsprache gewesen." Er bestätigte den inzwischen bekannten Trend: „Solange Dialekt im kulturellen Bereich angesiedelt ist, wird er zumindest im Gedächtnis bleiben. Er gehört aber in den sprachlichen Bereich. Und da wird er nicht gepflegt, nicht mehr im Alltag gesprochen."

Für Mundart-Wettbewerbe

Der Wissenschaftler ermunterte den Vierseher Heimatverein, weiterhin die Mundart Wettbewerbe in den Schulen zu veranstalten. Aber regte auch an, zu den Spiel- und Sportplätzen zu gehen: „Dort werden Sie nämlich kein Platt mehr hören!" Im Rheinland sei der Dialekt immer die Sprache der Unterschicht, das Hochdeutsch die Sprache der Privilegierten gewesen. Da trafen Verachtung und Scham aufeinander. „Wer vorgeführt und ausgelacht wird, spricht kein Platt mehr. Und das ist auch heute noch so. Im Rheinland wird über die Menschen, die kein richtiges Deutsch sprechen, noch immer gelacht", so Cornelissen. Er verwies auch auf die Pisa-Studie zur Bildung der Schüler: „Es war früher so und wird immer so bleiben. Wenn Eltern weniger verdienen und weniger Bildung aufweisen, schneiden die Kinder bei solchen Untersuchungen schlechter ab." Cornelissen geht sogar so weit, dass er vom „Stigma des Dialektsprechens" spricht.





Weiterführende Literatur von Georg Cornelissen (Auswahl):
- Der Niederrhein und sein Deutsch. Sprechen tun et fast alle (Greven Verlag Köln, 2007)
- Meine Oma spricht noch Platt: Wo bleibt der Dialekt im Rheinland? (Greven Verlag Köln, 2008)
- Das Niederländische im preußischen Gelderland (Verlag des Historischen Vereins für Geldern und Umgebung, 1986)