Quelle: Bürgerverein Anrath e.V. | www.buergerverein-anrath.de | Stand: 10. Jul. 2013

Chronik

Berichte über Aktivitäten des Bürgervereins

15.03.2010

Die "Franzosenzeit" im Rheinland (1794 - 1813)

Zur mittlerweile siebten Veranstaltung der vom Bürgerverein in Zusammenarbeit mit der VHS Viersen veranstalteten Vortragsreihe zur Geschichte Anraths berichtete am 15.03.2010 im Forum des Lise-Meitner-Gymnasiums Herr Professor Dr. Jörg Engelbrecht, Universität Duisburg-Essen über die französische Besatzung und Integration des Rheinlands in der Zeit von 1794 bis 1813. Diese knapp zwanzig Jahre der Franzosenzeit haben im Rheinland nachhaltige Spuren hinterlassen, die bis auf den heutigen Tag nachwirken.

Nachstehend eine verkürzte Zusammenfassung des Vortrags:

"Vor der Besetzung gab ein enges Nebeneinander weltlicher und geistlicher Territorien. Einen besonderen Stellenwert hatte das Kurfürstentum Köln. Die weltlichen Territorien Jülich-Berg und Kleve-Mark wurden von fernab residierenden Dynastien regiert, weshalb die Bevölkerung und besonders die ländlichen Gemeinden wenig von der Herrschaft spürten. Es gab am Niederrhein bereits eine zufrieden stellende Wirtschaftslage. Einzelne Gewerbezweige, so unter anderem die Textil- und Kleineisenindustrie, konkurrierten bereits mit den Engländern auf dem Weltmarkt.

Die französischen Angriffe hatten eine solche Dynamik, dass sich die alten Gewalten ohne nennenswerte Gegenwehr sang- und klanglos verabschiedeten und den Franzosen das Terrain ohne nennenswerte Gegenwehr überließen, so dass sich der Zusammenbruch innerhalb weniger Wochen vollzog. Zunächst waren die Franzosen noch unschlüssig, was mit den schnell eroberten Gebieten zwischen Maas und Rhein geschehen sollte. Erst Ende des Jahres 1795 zeichneten sich erste Veränderungen ab. Nach und nach wurden zahlreiche öffentliche Funktionen auf Zivilbeamte übertragen. In Frankreich wurden immer mehr Stimmen laut, das Rheinland zu annektieren und den Rhein als natürliche Grenze Frankreichs im Osten festzulegen.

Mit der Ernennung des Elsässers Franz Joseph Rudler zum Generalkommissar für die besetzten Länder am 03.11.1797 endete die Phase der französischen Okkupation des Rheinlands. Es begann die Zeit der Integration in die französische Republik. Die Verwaltung des Landes wurde nunmehr endgültig nach französischem Muster gestaltet. Die Maßnahmen Rudlers zielten vor allem auf die Neuorganisation des Landes, die Schaffung eines gegliederten Behördenapparats, die Revision des Steuerwesens und eine Neuordnung der Justiz.

Im Frieden von Lunéville wurde die faktische Integration des Rheinlands in den französischen Staat im Februar 1801 auch völkerrechtlich verbindlich. Die Rheinländer waren damit auch im Rechtsinn Franzosen. Der Adel als Stand wurde abgeschafft, die feudalen Lasten entfielen ersatzlos und die Bürger waren in einen einheitlichen Verband einbezogen, der einem ebenso einheitlichen Recht unterworfen war. An die Stelle der alten ständischen Gesellschaft war also die staatsbürgerliche getreten.

Von den zahlreichen einschneidenden Veränderungen erwies sich vor allem die Aufhebung der Klöster im Jahre 1802 als besonders folgenreich. Deren Ländereien, die annähernd ein Drittel der Gesamtfläche ausmachten, wurde eingezogen und zu Nationalgütern erklärt und bald darauf veräußert, wobei jeder den ehemals kirchlichen Besitz erwerben konnte. Entscheidend wirkte sich die Tatsache aus, dass Grund und Boden damit in einem nie gekannten Ausmaß frei gehandelt werden konnten. Das bedeutete einen radikalen Bruch mit der überkommenen Vorstellung, dass jegliches Land mit Herrschaftsrechten verbunden war. Darauf hatte sich davor in ganz entscheidendem Maße die Vorherrschaft von Adel und Kirche begründet.

Durch die Aufhebung aller wirtschaftlichen Beschränkungen - wie beispielsweise der Zunftzwang, kam es im Rheinland zu einer durchgreifenden ökonomischen Liberalisierung, was vor allem dem Wirtschaftbürgertum entgegen kam. Da sich politische Mitspracherechte in Frankreich an der Höhe des individuellen Steueraufkommens bemaß, rückten große Teile des rheinischen Wirtschaftsbürgertums, zusammen mit dem immer noch wohlhabenden ehemaligen Adel in den Kreis der aktiv und passiv Wahlberechtigten auf, die zunächst aber nur wenig Einfluss hatten.

Für die Mehrheit der Bevölkerung hatte sich indes wenig zum Besseren verändert. Allem Freiheitpathos der Franzosen zum Trotz wollten die meisten Menschen gar nicht vom Joch der Feudalismus befreit werden, das am Rhein ohnehin nie sonderlich drückend gewesen war. Wer zuvor Untertan des Kurfürsten von Köln, Mainz oder Trier gewesen war, hatte die Erfahrung gemacht, dass es sich unter dem Krummstab gut leben ließ. Der Landesvater wurde von den meisten Menschen nur aus weiter Ferne wahrgenommen. Jetzt sahen sie sich einer äußerst effizienten Staatsverwaltung gegenüber, deren Beamte tatsächlich die Kontrolle aller Lebensbereiche anstrebten. Eine der einschneidendsten Neuerungen war die Wehrpflicht für die eher unmilitärischen Rheinländer.

Dem Widerstand gegen die französische Herrschaft waren insofern enge Grenzen gesetzt, weil der Staat über einen perfekten Überwachungsapparat verfügte. Im napoleonischen System hat der Begriff des "Polizeistaats" erstmals seine uns heute noch vertraute Ausprägung gefunden.

Fragt man nach dem ausbleibenden Widerstand der Rheinländer, so darf auch nicht übersehen werden, dass sich dieser nirgendwo hätte festmachen können. Ein deutsches Nationalgefühl war hier ebenso wenig vorhanden wie eine besondere Verklärung für die alten Landesherrschaften. Nationalbewusstsein ist den Rheinländern erst nach 1815 beigebracht worden, als Importprodukt gewissermaßen. Dafür ist es ein Ergebnis der Franzosenzeit gewesen, dass sich bei den Rheinländern erstmals ein Rheinlandbewusstsein ausbilden konnte und zwar in erster Linie wegen der Zugehörigkeit zu Frankreich, die eben einen klaren Unterschied zum übrigen Deutschland markierte. Insofern konnte die seit 1822 so genannte "Rheinprovinz" an etwas anknüpfen, was von den Franzosen erst zugrunde gelegt worden war.

Innerhalb von knapp zwanzig Jahren veränderte das Rheinland derart gründlich sein Gesicht, dass 1815 ein Neubeginn unter den Vorzeichen der Restauration ausgeschlossen war. Maßgebliche Gründe hierfür waren die Auflösung der Reichskirche, die bis zur Franzosenzeit einen nicht zu unterschätzenden Rückhalt im Rheinland gehabt hat und die Auflösung des Adels als ein politisch und gesellschaftlich privilegierter Geburtsstand. Auch in preußischer Zeit ist der Adel als exklusiver Stand nicht mehr wieder eingesetzt worden. Die neuständische Gesellschaft preußischer Prägung kannte vielmehr einen Stand der "Rittergutsbesitzer", in dem Bürgerliche ebenso vertreten waren wie der Adel. Diese spezifisch rheinpreußische Klassensymbiose kann als ein wesentliches Ergebnis der Franzosenzeit gewertet werden.

Das Rheinland wurde seit 1794 von einem Modernisierungsschub erfasst, der das Land ohne evolutionäre Zwischenschritte vom Feudalismus in die Moderne katapultierte. Es wurde zum Laboratorium eines Modernisierungsprozesses, der in dieser Form in Deutschland einzigartig ist. Der Preis, der dafür zu entrichten war, die tiefgreifende Verunsicherung der Menschen, die zweifellos gegeben war, lässt sich nur schwer abschätzen. Als sicher kann jedoch gelten, dass es relativ wenige waren, die zu den "Gewinnern" der Franzosenzeit gerechnet werden können. Genau diese Gruppe aber war es, die auch im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts politisch und gesellschaftlich tonangebend war, das liberale Wirtschaftsbürgertum."



Zu Thema "Franzosen am Niederrhein" gab es im Heimatbuch bereits mehrere Veröffentlichungen, die hier nachzulesen sind.