Quelle: Bürgerverein Anrath e.V. | www.buergerverein-anrath.de | Stand: 14. Jan. 2016

Chronik

Berichte über Aktivitäten des Bürgervereins

07.04.2008: Anrath - von der Bauernschaft zum Stadtteil



Bericht aus der Rheinischen Post vom 10. April 2008:

Spannende 1000 Jahre Anrath

Vor 200 Zuhörern informierte der Kempener Historiker Hans Kaiser in der Aula des Lise-Meitner-Gymnasiums über „Anraths Weg von der Bauernschaft zum Stadtteil“ - eine Veranstaltung von VHS und Anrather Bürgerverein.

ANRATH (RP) „Machen Sie sich auf ein hartes Stück Arbeit gefasst!“ kündigte Dr. Kaiser an: „Wir müssen mehr als 1000 Jahre Geschichte in anderthalb Stunden verpacken.“ Folglich überschüttete er seine Gäste mit Fakten - schaffte es aber, die Entwicklung von der Römerzeit bis heute auf wenige Grundlinien zu beschränken. So entstand ein bislang unbekannter Überblick.

Auf Anrode entstand ein Herrenhof


Um 1668 stellte Lambert Doomer, ein Rembrandt-Schüler, die Anrather Dymbkes-Port dar. Aus dieser Zeit ist es die einzige Abbildung eines Dorftores in Westdeutschland.

Indes: Anrath ist nach den Karten der Funde und der Siedlungsbewegungen, die Kaiser präsentierte, nicht der älteste Willicher Stadtteil. In römischer Zeit massierten sich Bauern- und Gutshöfe im Alt-Willicher Gebiet, bei den Streithöfen und auf der Münchheide. Der Anrather, Schiefbahner und Neersener Bereich, am und im Nierstal gelegen, wurde wegen der unattraktiven Böden erst im hohen Mittelalter besiedelt. Doch noch vor der Jahrtausendwende muss auf einem Fleck sandigen Lösslehms in den Wald eine Rodung geschlagen worden sein (Kaiser: „Die nannte man Anrode!“), auf der ein Herrenhof entstand. Ihm waren die Bauerngüter im Kehn und im Schiefbahner Unterbruch unterstellt.

Letztes Relikt dieses Fronhofverbands ist das Schultheißenhaus (seit Jahrzehnten Gasthof Jean Schmitz, Viersener Straße 1) im Anrather Ortskern. Hier tagte Jahrhunderte hindurch das Anrather Schöffengericht. Um 1010, so ist 1628 der zuverlässigen Chronik des Kempener Vikars Johannes Wilmius entnehmen, wurde unweit des Herrenhofs die erste Anrather Kirche errichtet und der Abtei Deutz unterstellt. Das schuf den umwohnenden Bauern Lebensqualität, denn bis dahin mussten sie den Stunden langen Gottesdienst-Besuch zur Kapelle St. Peter bei Kempen in Kauf nehmen. Das Abschätzen und Einsammeln des Zehntens organisierten vier, später sechs Bauernschaften - für Westdeutschland das älteste Zeugnis einer Art kommunaler Selbstverwaltung.

Besonderer Ort

Anrath war schon früh ein besonderer Ort. 1402. wird eine Schule erwähnt; 1414 verleiht Kaiser Sigismund dem aufblühenden Dorf das Privileg eines freien Marktes, der alljährlich am 29. August gehalten wird.

Um 1500 gibt es bereits ein Befestigung, die eine fortgeschrittene Selbstverwaltung mit Bürgermeistern begründet. 1660 hat der Ort 225 berufstätige Einwohner, von denen die Hälfte als Handwerker arbeitet.

Aber erst ab etwa 1200 entwickelte sich aus Zugezogenen, die sich hier als Handwerker und Gewerbetreibende niederließen, das Dorf Anrath - das einen raschen Aufschwung nahm und den vier Willicher Ortskernen mit Befestigung, Bürgermeister, Markt und dem Charakter einer Kleinstadt am nächsten kam. Kaiser: „Die Bauernhöfe in der Anrather Nachbarschaft waren kleiner als die in Willich und boten weniger Menschen Platz. Das veranlasste den starken Zuzug.“

Polizei- und Gerichtsfunktionen in der Anrather Grundherrschaft nahmen die Herren von Neersen als Vögte des Erzbischofs wahr; im Laufe der Jahrhunderte schafften sie es, ein zersplittertes Mini-Territorium herzustellen - die Herrschaft „Anrath-Neersen“. Deren Sitz war Schloss Neersen, vor allem auf der Basis von Gewinn und Beute des 30-jährigen Krieges errichtet.