Der Unterbrucher Herrensitz Haus Stockum in Vennheide

(von Gottfried Daum - Aus dem Heimatbuch 1989)

Versteckt hinter hohen Bäumen finden wir südwestlich von Anrath von Vennheide in Richtung des großen Hofbruches eines der schönsten Wasserschlößchen unserer engeren Heimat. Das am Hofbruch liegende Haus Stockum wurde in alter Zeit auch Dollenhof (in der Delle), Klüppelshof (Klüppelsleute hatten dem Schloß Wehrdienste zu leisten) oder Klüppelsrade (Rodung der Klüppelsleute) genannt. Haus Stockum war immer ein freies Ritterlehen der Abtei Gladbach und umfaßte 1660 einen Landbesitz von 34 Morgen und 101 Ruten Ackerland und 9 Morgen Benden.

Von dem Besitz ist heute nur noch das Burghaus erhalten. Bis nach der Jahrhundertwende war das Burghaus von Wirtschaftsgebäuden und einem doppelten Wallgraben umgeben.

Das Schlößchen wurde 1619 von Reiner von Hasselholtz erbaut. Seit dieser Zeit führt das Anwesen den Namen Stockheim oder Stockum nach dem Namen des in Holland liegenden Besitzes des Erbauers. Die alte Bezeichnung Dollenhof, die noch aus der Zeit der Rodung des Bruches (um 1300) stammen dürfte, verschwand immer mehr.

Früher gelangte man von einem an der Gaststätte Berger in Vennheide von der von Neuss nach Venlo führenden Hohen Straße, oder auch die Große Schüss genannt, führenden Weg zu dem Herrensitz. Zunächst gelangte man über den äußeren Wallgraben, der in seinen Grundzügen noch heute erkennbar ist, zu dem inneren Graben, der zum Schlößchen mit einer Zugbrücke überbrückt wurde. Noch heute sind beiderseits der Eingangshalle die Öffnungen für die Ketten der Zugbrücke erkennbar.

Über der Portalblende sind die stark verwitterten Wappensteine der Familien Hasselholtz und Hagen zur Motten, eingerahmt von Pilastern und Giebelchen, eingelassen.

Das erste Wappen zeigte früher ein rotes Feld mit goldenem Sparren und zehn Steinen, als Heimzier einen menschlichen Rumpf zwischen einem offenen Flug. Das andere Wappen, dessen Beziehung unbekannt ist, hatte im gleichen Feld vierzehn Steine, statt des Sparrens einen Querbalken und den Helm allein mit offenem Flug. Das Hasselholtzsche Wappen stand noch 1880 an einem Kirchenstuhl der Anrather Pfarrkirche mit der Jahreszahl 1661, was darauf hinweist, daß die "Stockums" in der Anrather Kirche ihre Begräbnisstätte hatten. Ein anderer Bericht aus der Chronik untermauert diese Vermutung. 1628 teilte der Anrather Pastor Theodor Huiskens der Gattin des im Heere Tyllis stehenden Grafen Johann von Virmond von Schloß Neersen mit, daß von ihm verlangt werde, einen verstorbenen Junker von Stockheim in der Pfarrkirche Anrath im Chor "unser lieben Frau" zu begraben. Der Pastor fragte, wie er sich in diesem Falle verhalten solle, (da vermutlich die "Stockheimer" Familie zu jener Zeit kein Erbbegräbnis in der Anrather Pfarrkirche hatte).

Zu dem "Hasselholtzen" Besitz gehörten ehedem einige Bauernhöfe der Umgebung, die eine schmale Existenzgrundlage des Herrensitzes darstellten. Es war neben der eignen Landwirtschaft der Hof Recken, der heute noch neben dem Schlößchen Legt. Weiterhin gehörten das Palserb, ein ehemals gegenüber dem heutigen Anwesen Bödeker liegender Hof, der Klaushof (heute Schäfereibetrieb Müller) und einige Katen in Vennheide.

Das Fundament des Hauses wurde auf Eichenpfahlroste, die in den Sumpf eingelassen wurden, gebaut.

Das Gebäude ist ein zweistöckiger, fast quadratischer Backsteinbau mit hohem Schieferdach. Die Anlage gehört zu den einfachen Herrenhäusern, wie sie zu Beginn des 17. Jahrh. gebaut wurden. Die Giebel sind abgetreppt und ausgeschweift. Auf den Abtreppungen standen früher Steinkugeln mit schmiedeeisernen Wetterfähnchen. An zwei gegenüberliegenden Ecken sind dem Hauptbau vierseitige Türme vorgebaut, die achtseitige, vorgekragte, geschweifte Hauben mit zwei knaufartigen Ausbuchtungen tragen.

Die hohen Fenster sind mit Stichbögen überwölbt. Der Speicher war früher mit holländischen Steinfliesen belegt.

Nach den Lehnsbüchern der Abtei Gladbach wurde 1408 Arnold von Huntzler (Honselaer) mit dem Gut belehnt. Eine erneute Belehnung erfolgte 1596 an die Familie Hasselholtz, in dessen Familienbesitz das Gut bis 1688 verblieb. Maria Sibilla, wahrscheinlich eine Hasselholtz, heiratete 1655 den Oberst in einem Regiment oberdeutscher Fußknechte in spanischen Diensten, Georg Balthasar von Mernich zu Schauenstein, und brachte ihm das Gut mit in die Ehe. Nach häufigen Plünderungen in Kriegszeiten und Rechtshändel um Pfründe der Herrlichkeit Viersen war das Gut bereits sehr verschuldet, als die Tochter der Eheleute von Mernich, Anna Katharina Sophia am 28. Februar 1702 in der Anrather Pfarrkirche heiratete und ihm das Gut mit in die Ehe brachte. Schließlich wurde der Adelssitz am 17. Juni 1716 vor dem Gericht in Oedt versteigert. Durch Ansteigerung blieb es jedoch noch im Besitz von drei Söhnen des Besitzers. Nach der Enteignung des Adelssitzes durch die Franzosen wurde im Haupthause im Jahre 1895/96 eine französische Lazarettverwaltung eingerichtet.


Photo von Bernd Neitsch

In den zwanziger Jahren des 19. Jahrh. wird die Familie Flemming als Besitzer genannt. Dann folgt ein häufiger Besitzerwechsel, durch den das Gut immer mehr heruntergewirtschaftet wird. 1831 wird der Ackerer Michael Ohligs und danach der Erkelenzer Arzt Dr. Franz Lukas, der das Gut an die Gebrüder Burg verpachtet hatte, als Besitzer genannt. 1872 wurden Ländereien an die angrenzenden Bauernhöfe verkauft. Den Rest kaufte der benachbarte Landwirt Jakob Hammes samt dem Schlößchen. Er riß die zerfallenen Wirtschaftsgebäude ab und ebnete damit den äußeren Wallgraben des Anwesens ein. Das Schlößchen selbst war um die Jahrhundertwende in einem derart schlechten Zustand, daß es nicht mehr bewohnbar war. Vor dem gänzlichen Zerfall wurde das Wohnhaus durch den Mönchengladbacher Landrat Dr. Josef Jörg gerettet, der es 1925 kaufte und ausbessern ließ.

Vor allem ließ er die Dächer und Türme ausbessern und die Fundamente unterfangen. Im Jahre 1926 erhielt er für die Ausbesserungsarbeiten vom Verein für Denkmalspflege in der Rheinprovinz 4000 Mark.

1930 wurde der Besitz von dem Düsseldorfer Landwirt und Kaufmann Alfred Bünger erworben, der auf der 13 ha großen Grünfläche des Burghauses eine Geflügelzuchtanstalt errichtete und das Anwesen vollständig restaurieren ließ. Damit war für lange Zeit in der hiesigen Gegend ein Kleinod der Heimatgeschichte gerettet.

Als im Jahre 1979 der St. Johannes-Schützengesellschaft 1662 Clörath/Vennheide vom amtierenden Schützenkönig Jakob Snellen eine neue Schützenfahne gestiftet wurde, war es für die Schützen keine Frage, neben einem religiösen Motiv auch als weltliches Motiv das schöne Wasserschloß Haus Stockum als Fahnenmotiv aufzunehmen.

Mit Betroffenheit wurde im Jahre 1979 die Nachricht von der Bevölkerung aufgenommen, daß Haus Stockum durch das Absinken des Pfahlrostrahmens dem Zerfall ausgeliefert sei, wenn nicht bald Hilfe komme. In Fachliteratur wurde das 500 Jahre alte Schlößchen als bedrohtes Bau- und Kulturdenkmal bezeichnet.




Aus der Beschreibung der Denkmalbehörde:
Denkmal-Nr. 3
Baujahr 1619
Eintragung als Denkmal 14.03.1983
Denkmalbeschreibung Das Gebäude ist ein ehem. wasserumwehrter Herrensitz aus Backstein, der im Jahre 1619 entstanden ist. Es ist zweigeschossig in nichtdurchgezogenen Achsen mit vorgezogenem eingeschossigen Eingang. Es hat diagonal angeordnete Seitentürme auf quadratischem Grundriss mit Holzgewänden und Haubendach. An den Seiten befinden sich geschweifte Giebel. Der Eingangsvorbau besitzt u. a. eine alte Holztür, die mit Schnitzwerk u. Jahreszahl versehen ist. Im verwitterten Sandsteinwappen über der Tür befindet sich die Inschrift "1619".


Denkmalbeschreibung und Foto zur Verfügung gestellt von den Eheleuten Limburg, Wegberg