Quelle: Bürgerverein Anrath e.V. | www.buergerverein-anrath.de | Stand: 10. Jul. 2013

Heinrich Fieles: Etwas über die "Gute Alte Zeit"

(aus dem Anrather Heimatbuch 1998)

Heinrich Fieles wurde 1888 in Anrath geboren. Über viele Jahre schrieb er Kinder- und Jugend-Erinnerungen nieder. Das Ortsbild in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts beschrieb er ebenso ausführlich wie das Leben der Anrather Bewohner.
Der folgende Bericht ist eine Zusammenfassung seiner Erinnerungen, die er in einer "Familienchronik" niedergeschrieben hat. Heinrich Fieles starb am 4. Juli 1974.


"Nur noch wenige Bürger über 80 Jahre leben in unserer Gemeinde, denen die Verhältnisse der sogenannten "Guten alten Zeit" bekannt sind. Damit diese örtlichen Verhältnisse der Nachwelt nicht verloren gehen, möchte ich sie hier festhalten. Es wäre wünschenswert, wenn noch mehr ältere Bürger sich des Brauchtums dieser Zeit erinnern und diese Erinnerungen niederschreiben würden. Denn in 50 Jahren erinnert sich niemand mehr dieser vergangenen Zeit.

Ich beginne mit meinen Aufzeichnungen von meinem elterlichen Haus in Anrath. Hausbroicherstr. 17/19. aus. Damals hieß die Straße "Am Wasser". Ganz in der Nähe unseres Hauses auf der linken Seite lag ein vor etwa 100 Jahren ausgeziegeltes Gelände, welches mit Wasser gefüllt war (Fulkskull), heute Gartengelände. Im Winter war dies eine beliebte Eisfläche zum Schlittschuhlauf. Im Sommer spielten wir Kinder mit Kübeln oder Brettern Kahnfahren. Auch brüteten hier noch Schilfhühner, der Abendgesang der Frösche wirkte wie die Musik einer Regimentskapelle.

Hinter der "Fulkskull", heute das Gelände der Propangasanlage Roeben, war alles Wald, der mit schmalen Wassergräben durchzogen war.

Jetzt komme ich zur rechten Seite der Hausbroicherstraße. Hier hat man einen Häuserblock mit 42 Häusern errichtet und diese Ansiedlung teilweise mit der alten Straßenbezeichnung "Am Wasser" benannt.

Dieser Platz war in meiner Jugend eine große Wiese, worauf die Kühe des Viehhändlers Servos weideten. Ein Liter Milch, von hier geholt, kostete 11 Pf. Als Kinder haben wir hier versucht, die Kühe zu melken und die Milch in unserem Holzschuh aufzufangen. In unmittelbarer Verbindung mit der Wiese Servos befanden sich die Wasserkuhlen an der Grenze Krefelder Straße gegenüber dem Anrather Original "Bombaß-Wirtschaft" unter den Linden. In den Wasserkuhlen wurden Karpfen gehalten, die mit Körben gefangen wurden. Dieses Gelände erstreckte sich über den heutigen Feuerwehrplatz und das später erbaute Elektrizitätswerk, heute Turnhalle. Als die alte Kirche abgebrochen wurde, wurde die Hausbroicherstraße zwischen Krefelder Straße und Fadheiderstraße mit dem Abfall und der Erde des alten Friedhofes, der früher um die alte Kirche herum gelegen war, aufgefüllt. Ich erinnere mich noch gut, daß wir Kinder uns mit den Totenschädeln und den Knochen unserer Vorfahren beworfen haben. Dies ist keine schöne Kindheitserinnerung.

Ab Fadheiderstraße über die Hausbroicherstraße bis zur Kollenburgstraße verlief ein tiefer Graben, der das ganze Schmutzwasser aufnahm. Eine Brutstätte für Ratten. An der Straße entlang standen hohe Pappelbäume. An der Stelle, wo Hausbroicherstraße und St. Töniser Straße zusammentreffen, standen sehr hohe alte Bäume. Rechts hiervon war Wiesenland, das teilweise mit Wasser gefüllt war. Im Herbst diente dieses Gelände als Aufenthalt für Gänse. Neuerdings wurden diese Wiesen mit Häusern bebaut. In der Nähe finden wir den Krickerhof. Um diesen Hof lief in meiner Kinderzeit ein Wassergraben. Dieser war von Bäumen und Sträuchern umgeben. Hier sah ich den ersten blau-grün gefiederten Eisvogel, eine einmalige Jugenderinnerung. Gehen wir die St. Töniser Straße weiter bis zum Bauernhof "von Danwitz", so liegt zwischen dem Hof und dem Bahnwärterhaus Hochbend eine Wiese. In meiner Jugend war hier alles Wald, dort habe ich als Kind noch Waldbeeren gepflückt. Geht man rechts entlang der Eisenbahnschienen am Schirkeshof vorbei durch den Wald bei Rennes-Schmitz, so erkennen wir hier einen tiefen Graben (Schützengraben), genannt die Landwehr. Er ist ein Überbleibsel des 7jährigen Krieges, der Schlacht bei Krefeld im Jahre 1758. Näheres hierüber ist auf dem Kriegerdenkmal an der Hückelsmay in der Nähe der Krefelder Stahlwerke ersichtlich.

Zurück zum Teil der Hausbroicherstraße, die zum Schloß Haus Broich führt. Hinter der heutigen Gärtnerei Vincentz lag der Schützenstand, genannt die "Schöttruh". Hier war, verbunden mit der Frühkirmes und dem Schützenfest, der Vogelschuß. Das Schützenfest war früher für Anrath eine Attraktion. Den Schluß des Schützenzuges bildete eine Droschke, worin sich unser alter Sanitätsrat Dr. Leber in Stabsuniform befand. An der Schöttruhanschließend bis ungefähr zur Ortschaft "Kleinjerusalem" war alles Wald (Donk genannt).

Auf die Kirmes möchte ich nochmals zurückkommen. Der Kirmesplatz war zu der Zeit auf dem Sand. Anrath war eine Zeit lang ein sehr armes Dorf, das auf Hausindustrie (Webstuhl-Getau) angewiesen war. Bei einer schlechten Konjunktur (Arbeitslosigkeit, was anscheinend öfter der Fall war), mußten die Menschen hungern und frieren. Wohlfahrtseinrichtungen, wie Arbeitslosenunterstützung gab es zu der Zeit nicht. In den meisten Familien waren 6 oder 8 Kinder; der Verdienst des Vaters und Haupternährers betrug in der Woche 15.00 bis 20.00 Mark.

Man darf heute nicht mit der Entschuldigung kommen, daß das Geld zu der Zeit einen anderen Kaufwert gehabt hätte. An dem heutigen Wohlstand gemessen, zieht dieser Vergleich nicht. Tapeten kannte man kaum. Die Zimmerwände wurden mit einer Kalkbrühe geweißt und der Sockel mit einer Rußbrühe schwarz abgesetzt. Der Fußboden wurde mit weißem Sand bestreut. Fenstervorhänge gab es nur sehr wenige. Trotzdem wurde in Anrath der Humor sehr hoch geschätzt. Wir hatten unsere Originale wie "Jud Abraham", "Wamesch schmal", "Schuster winke", "Balve Kuh" u.a.

An schönen Sommerabenden saß man vor dem Haus auf der Bank oder auf einem Stuhl. Mit Begleitung einer Mund- oder Ziehharmonika wurden gemeinschaftlich alte Volkslieder gesungen. Diese schöne Verbundenheit unter der Nachbarschaft kehrt nicht mehr zurück.

Für uns Kinder war der Tag mit viel Arbeit ausgelastet. Der Schulunterricht dauerte von 8 bis 12 und von 14 bis 16 Uhr. Kam man aus der Schule, mußte man tüchtig mitarbeiten: Spulen für den Webstuhl machen, Futter für die Ziege oder Gänse auf dem Feld suchen, Ähren lesen und der Mutter, die mit all den Kindern noch auf dem Webstuhl arbeitete, im Haushalt helfen. (Freie Zeit zum Spielen gab es nicht). Bis etwa 10 Jahren ging man mit Holzschuhen zur Kirche. Die Erwachsenen hatten einen Sonntags- und einen Werktagsanzug. Zur Straßenbeleuchtung benutzte man Petroleumlampen. Diese hingen an einer Leine waagrecht über den Straßen. Bei Reinigung oder Füllung der Lampen wurden diese durch eine Kurbel, die an einem Haus befestigt war, heruntergelassen. Dieser Vorgang wurde vom Nachtwächter besorgt. Mitteilungen an die Bevölkerung wurden auf dem Markt an der Kirche vorgetragen. Der damalige alleinige Polizist Nower rief die Bevölkerung mittels einer Schelle zusammen.

An den Sturm über Anrath, der 1891 großen Schaden anrichtete, entsinne ich mich noch gut in meinem damaligen Alter von drei Jahren.

Weihnachten mit einem Tannenbaum kannte man kaum. Als Ersatz hierfür feierte man Nikolaus, den 6. Dezember. Auch gab es keine wichtigen Geschenke. Dafür bekam man Apfel, Nüsse und sogenannte Weckmänner. Es reichte auch schon mal für ein paar von der Mutter gestrickte Strümpfe oder Handschuhe.

Als Zeichen, daß ein Toter im Haus lag (früher wurden die verstorbenen Angehörigen bis zur Beerdigung im Hause aufgebahrt), stand in meiner Kinderzeit ein Brett am Haus, mit einem Totenschädel bemalt. Später war ein schwarzer Flor an der Tür befestigt.

Eigentlich ist dieser Bericht für mich persönlich bestimmt. Doch finde ich es interessant, wenn die Erinnerungen aus der früheren Anrather Zeit aufgefrischt werden und der Nachwelt erhalten bleiben."