Quelle: Bürgerverein Anrath e.V. | www.buergerverein-anrath.de | Stand: 10. Jul. 2013

Erinnerungen aus Kindertagen

Agnes Eickels: Nikolausabend

(aus dem Anrather Heimatbuch 1999)

Direkt nach St. Martin begann die geheimnisvolle Zeit: Frühe Dunkelheit, stürmisches Wetter, lange Abende. Langeweile kannten wir nicht. Wir spielten gerne und intensiv.

Genauso gerne verbrachten wir aber frühe Abendstunden bei den beiden Tanten in der ersten Etage unseres Hauses. Dort saßen wir in der Stube. Es wurde noch kein Licht gemacht. Eine der Tanten sagte dann: „Im Dunkeln läßt sich gut munkeln!" Oft jedoch wurde das Türchen der Feuerung am Kohleherd geöffnet, so daß die Stube von dem flackernden Feuer geheimnisvoll beleuchtet wurde. Die Tanten erzählten dann „Geschichten von früher". In dieser Zeit vor Nikolaus sangen wir oft Nikolauslieder in der Hoffnung, dieser würde sie hören und uns etwas in die Stube werfen. Dabei merkten wir nicht, daß zwischendurch eine der Tanten verschwunden war.

Auf einmal hatte wohl der Nikolaus unsere Lieder vernommen: Er warf Nüsse, Süßigkeiten oder auch mal Apfel in die Dunkelheit hinein. Wir haben nie gemerkt, daß hier eine der Tanten den Nikolaus spielte. Es wurde Licht gemacht, und wir krochen allenthalben umher, um die Schätze einzusammeln. An solchen Abenden waren wir sehr glücklich. Dabei wurden auch die Wünsche besprochen, die wir dem Nikolaus auf Wunschzetteln selbst aufschreiben durften. Die Wunschzettel wurden dann auf den Tisch gelegt, damit Nikolaus diese über Nacht abholen konnte. Immer waren die Zettel am nächsten Tag verschwun- den. In diesen Tagen fuhren dann die Tanten nach Krefeld zur „Himmelsstraße', um dort beim Nikolaus unsere Wünsche vorzutragen. Denn es nahte der Tanten größter Freudentag: Nikolausmorgen, wenn wir die Geschenke entdeckten. Davor war jedoch noch der „Nikolausabend"! Zu uns kam Nikolaus mit dem „Hans Muff" ins Haus.

Eingedenk unserer „Untaten" im Laufe des Jahres (sie hielten sich in Grenzen), saßen wir drei an diesem Abend im Wohnzimmer auf dem Sofa, die Beine untergeschlagen, den Abstand zwischen Tisch und Sofa mit Kissen verbarrikadiert: Der „Hans Muff" hätte ja mal zupacken können!

Schließlich war es soweit. Vater führte den Nikolaus herein, immer eine würdige Bischofsgestalt. in der einen Hand den Hirtenstab, in der anderen ein großes rotes Buch. Darin waren alle unsere Fehler und Schwächen aufgezeichnet. Der Nikolaus hatte Vater seinen Stab übergeben und hielt uns nun unsere Fehler vor. Dabei hob er seinen weiß behandschuhten Zeigefinger. Allerdings – „Hans Muff" mußte im Flur vor der Zimmertür bleiben, rasselte aber immer wieder mit seinen Ketten und steckte auch ab und zu seinen Sack durch den Türspalt. Dieser Sack diente der Mitnahme der bösen Kinder, so war es uns gesagt worden. Schließlich versprachen wir Besserung.

Der Nikolaus teilte dann einige Süßigkeiten und Spekulatius aus.

Manchmal wurden wir aufgefordet, eventuell gelernte Gedichte vorzutragen z.B. „Von drauß vom Walde komm ich her...". Nicht genug: Der Nikolaus wollte uns auch singen hören. Dafür mußte ich ans Klavier. Dieses aber stand neben der Tür, vor der sich "Hans Muff" immer noch bemerkbar machte. Es war ein ziemlich mulmiges Gefühl, das mich beschlich – bis zu dem Tag, als ich den „Nikolaus" an seiner Sprechweise erkannte. Diesen beklemmenden Augenblick kann heute noch nachempfinden. Es war ein Bekannter unserer Familie.

Wenn der Nikolaus weltergezoen war, gab unsere Mutter uns je einen Suppenteller. Mit diesem zogen dann singend zu den Tanten und stellten dort unseren Teller auf. Am späten Abend, bevor wir ins gingen, stellten wir auch in unserem Wohnzimmer einen Teller auf. Hier bekamen wir am nächsten Morgen Schokolade, Spekulatius, Printen, eine Apfelsine, Bonbons und Äpflel, dabei vielleicht ein Paar Handsschuhe, Pantoffel oder Nachtwäsche. Geschenke gabs bei uns nur vom Christkind zu Weihnachten.

In der Nacht schliefen wir unruhig und wachten ungewöhnlich früh auf – von selbst – ohne geweckt werden zu müssen! Dann ging es nach oben. Die Tanten warteten schon auf uns. Aufgereiht auf Tisch, Sofa und Stühlen fanden wir dann die Erfüllung unserer – im Vergleich zu heutigen Wünschen vieler Kinder - bescheidenen Wünsche. Sowohl die Tanten als auch wir Kinder waren glücklich und dankten dem Heiligen Nikolaus.