Quelle: Bürgerverein Anrath e.V. | www.buergerverein-anrath.de | Stand: 10. Jul. 2013

2010

Jannik Sorgatz: In Anrath zu Hause

(aus der Rheinischen Post vom 29.05.2010)

Vier Kilometer lang ist die Fahrt mit dem Bus durch Anrath, von Bahnhof bis Donkkampfbahn. Jedesmal wenn die Regionalbahn aus Duisburg in Anrath hält und die Linie 038 sich ihren Weg durch das 11000-Einwohner-Dorf bahnt, ist es auch eine Reise durch 20 Jahre Kindheit und Jugend. Das ist gerade mal ein Fünfzigstel der 1000-jährigen Geschichte Anraths. Evangelische Kirche: Konfirmation. Tankstelle: in der Fahrschule zum ersten Mal durch die Waschstraße. Schreibwarengeschäft: das erste Fußball-Sammelalbum. Albert-Schweitzer-Grundschule: Einschulung vor 14 Jahren. Leineweberhalle: das erste Handballspiel. Haltestelle Schlesierstraße: Zuhause.



Jannik Sorgatz mit Laptop in der Anrather Fußgängerzone. RP-Foto: WKA

Wer sein Leben von der Geburt bis zum Studium im selben Dorf verbracht hat, hat seine Erinnerungen stets kompakt vor Augen. Denn selten liegen sie mehr als drei Kilometer voneinander entfernt. Dabei ist Anrath in dieser Hinsicht nahezu ideal. Groß genug, um zu überleben, ohne das Dorf zu verlassen – zu klein, um es wirklich darauf anzulegen. Was man jahrelang verflucht tat, gewinnt meistens erst dann seinen Reiz, wenn man in einer Großstadt wie Dortmund das komplette Gegenstück erlebt. Selbst unter der Woche führt dort immer ein Weg nach Hause.

In Anrath dagegen, wo der letzte Zug um kurz nach Mitternacht ankommt und der erste um 4.50 Uhr wieder fährt, will jeder Abend genau geplant sein. Teenager zwischen Kindheit und Erwachsensein müssen sich zwangsläufig in Bescheidenheit üben. Im Nachhinein werden sie es ihrer Heimat danken.

Anrath gibt einem Geborgenheit, wenn man sie braucht. Anrath lässt aber auch los, wenn die große, weite Welt ruft. Das mag arg nach Provinzromantik klingen. Aber die älteste Gemeinde der Stadt besitzt immerhin den einzigen Bahnhof Willichs, der noch in Betrieb ist. Im Umkreis von zehn Kilometern warten Autobahnen in alle Himmelsrichtungen. Wer weg will, wird nicht aufgehalten. Und trotzdem liegt Anrath noch so ländlich, dass der Jauchegeruch an manchen Tagen von den Feldern weht und morgens um sechs die gurrenden Tauben den Wecker ersetzen – auch wenn der erst um acht geklingelt hätte. Man kennt die Verkäuferin beim Bäcker, den Wirt der Gaststätte und – in der Großstadt kann das anders sein – seinen Nachbarn.

Man lernt, allen Dingen etwas Gutes abzugewinnen. Das Dorfleben macht demütig. Was nicht schlecht ist, weil man Kleinigkeiten in einer schnelllebigen Welt noch schätzen kann. Vor dem Hintergrund, dass man sich den Ort, in dem man aufwächst, nur begrenzt aussuchen kann, muss man Anrath dafür dankbar sein. Auf die nächsten 1000 Jahre!

Jannik Sorgatz ist Jahrgang 1990, in Anrath aufgewachsen und studiert seit September 2009 in Dortmund.