Quelle: Bürgerverein Anrath e.V. | www.buergerverein-anrath.de | Stand: 10. Jul. 2013

1945

Agnes Sehrbrock: Wie ich das Kriegsende erlebte

(aus dem Anrather Heimatbuch 1996)

Wenn ich meine persönlichen Erinnerungen an den Tag "des Einmarsches der Amerikaner" — für uns auf den Holterhöfen war das der 2. März 1945 — niederschreibe, gehen meine Gedanken einige Wochen zurück.

Am 2. März sollte mein Bruder Johannes beerdigt werden. Er war am 26. Februar in Krefeld gestorben.

Johannes — 16 Jahre — wurde Ende Januar zur Ausbildung im Wehrertüchtigungslager einberufen. Diese "Ausbildung" dauerte damals vier Wochen. Die Jungen mußten oft bei Aufräumungsarbeiten nach den Bombenangriffen helfen. Am 20. Februar mußte Johannes für einen Vorgesetzten mit dem Fahrrad nach Mönchengladbach. Auf diesem Wege hat er uns besucht und konnte uns einiges mehr erzählen, was er sonst auf seinen Karten (er durfte nur einal einen Brief schreiben, Karten wurden zugeteilt) nicht schreiben durfte.

So berichtete er uns von der antikirchlichen Hetze der Ausbilder. Das hat ihn sehr bedrückt. Sie mußten z.B. ein Lied (oder Gedicht) lernen mit folgendem Inhalt:

"Der Papst, der sitzt auf seinem Thron,
bei uns, da sitzen die Pfaffen.
Was hat einer deutschen Mutter Sohn
mit dem Papst und den Pfaffen zu schaffen."

Das hatte auch bei mir und meiner Familie soviel Empörung ausgelöst, daß ich diesen Vierzeiler bis heute nicht vergessen habe.

Das war das letzte Mal, daß wir unseren Johannes lebend gesehen haben. Am Montag, dem 26. Februar, kam in aller Frühe eine Frau mit dem Fahrrad aus Krefeld, die uns berichtete, daß auf dem Zimmer ihres Mannes in den Städt. Krankenanstalten unser Johannes schwer erkrankt läge, und er riefe immer nach Vater und Mutter. Diese fremde Frau hatte sich trotz der drohenden Tieffliegerangriffe auf den Weg gemacht, um uns zu benachrichtigen. Wir hatten von den Verantwortlichen aus dem Lager keinerlei Nachricht erhalten. Unsere Eltern machten sich sofort auf den Weg — mit Pferd und Wagen. Als sie im Krankenhaus ankamen, war Johannes bereits gestorben. Da es an diesem Tag sehr neblig war und wir vor Tieffliegerbeschluß ziemlich sicher sein konnten, konnten wir ihn noch am gleichen Tag durch die Fuhrunternehmung Silkens nach Hause holen. Johannes wurde — wie es zu dieser Zeit üblich war — bis zur Beerdigung zu Hause aufgebahrt. Die Beerdigung war für Freitag, den 2. März, vorgesehen.

In den nächsten Tagen überstürzten sich die Ereignisse. Zu der tiefen Trauer und den üblichen Vorbereitungen für die Beerdigung kam die Unsicherheit über die Frontlage. Die Nächte verbrachten wir im Keller. Über Tag mußten wir sehen, daß wir allen Verpflichtungen nachkamen. Das Vieh mußte versorgt und gemolken werden. Inzwischen rückten die Amerikaner immer näher, immer öfter kam es zu Tieffliegerangriffen. Meine Eltern beschlossen, die Beerdigung wegen dieser Ungewißheiten eine Stunde vorzuverlegen. Am Nachmittag des Vortages fuhr ich mit dem Fahrrad ins Dorf, um die entsprechenden Leute zu informieren. Ich fuhr zu Dechant Harff und zum Friedhofsgärtner Goetthard. In Anrath herrschte eine unheimliche Stille. Einige deutsche Soldaten gingen vorsichtig an den Häusern vorbei. Die Zivilisten saßen wohl alle in den Kellern. Es war direkt unheimlich. Ich fuhr dann schnellstens nach Hause. Als ich auf freier Strecke war, hörte ich über mir einen Pfeifton. Ich wußte aber nichts damit anzufangen. Als ich zu Hause ankam, war unsere Nachbarin gerade da, und die wußte, daß die Amerikaner bereits in der Vennheide waren und Hochbend unter Beschuß hatten. Das war dann wohl der Pfeifton: Granaten, die über mich flogen! Da sich die Frontlage immer mehr zuspitzte, entschlossen wir uns schweren Herzens, die Beerdigung vorläufig aufzuschieben. Wir versuchten den ganzen Abend, Dechant Harff darüber zu informieren. Die Telefonverbindung ging damals noch über das „Fräulein vom Amt". Diese Dame versuchte immer wieder, Dechant Harff zu erreichen. Doch vergebens. Er hörte das Telefonläuten wohl nicht, da er bereits den Luftschutzkeller aufgesucht hatte.

Wie wir dann später erfahren haben, hat er sich am frühen Morgen des 2. März auf den Weg gemacht, um die Beerdigung meines Bruders Johannes vorzunehmen. Als er aus der Gasse an der Neersener Str. herauskam, wurde er von den Amerikanern von der Kirche her beschossen. Er hatte nicht zur Kenntnis genommen, daß die Amerikaner Anrath bereits besetzt hatten. Schwester Angela, die damals Küsterdienste in unserer Pfarrkirche versah, fand den schwerverletzten Dechanten und brachte ihn mit Hilfe von amerikanischen Soldaten und dem herbeigerufenen Kaplan Meurer zum Krankenhaus.

An diesem Freitagmorgen — wir hatten die Nacht im Keller verbracht — war im Bereich der Holterhöfe zunächst nichts von der Front zu sehen. Drei deutsche Soldaten wollten sich noch mit einem Maschinengewehr in unserem Schuppen verschanzen. Sie hatten den Auftrag, noch eine ganze Kompanie der deutschen Wehrmacht durchzuschleusen. Unser Vater konnte sie aber von der Unsinnigkeit ihres Tuns überzeugen, als er ihnen klarmachte, daß die Amerikaner bereits in Anrath waren. Wir setzten ihnen dann im Haus ein gutes Frühstück vor, und einige Stunden später sahen wir sie mit erhobenen Händen in die Gefangenschaft ziehen.

Es dauerte nicht mehr lange, bis die Amerikaner auch die Holterhöfe und somit auch unseren Hof besetzt hatten. Als ich vorsichtig an der Hintertür nachschauen wollte, was sich bei uns tat, stand mir ein riesengroßer Amerikaner mit aufgepflanztem Bajonett gegenüber. Ich hatte den Eindruck, daß er über mein plötzliches Auftreten genauso erschrocken war wie ich über ihn. Er ging dann ohne Kommentar an mir vorbei, und ihm folgte dann bald eine ganze Horde. Sie schwirrten durchs ganze Haus, wahrscheinlich um nach versteckten deutschen Soldaten zu suchen. Dann kam ein Offizier, der uns den Befehl erteilte, sofort den Hof zu räumen. Als meine Eltern dem Offizier unseren aufgebahrten Johannes zeigten, versprach er, er würde dafür sorgen, daß nichts verändert würde. Aber meine Eltern brachten es nicht über sich, den Verstorbenen zurückzulassen. Wir wußten ja auch gar nicht, ob und wann wir zurück durften. Es wurde uns dann erlaubt, die Leiche mitzunehmen. Vater und meine Brüder spannten das Pferd vor einen Wagen. Darauf wurde der Sarg geladen. Wir nahmen das Nötigste mit, was wir in der Eile fassen konnten. In der kurzen Zeit hatten sich die Amerikaner schon in Haus und Hof eingerichtet, Geschütze standen im Baumgarten, bereits mit Tarnnetzen versehen, im Hause waren bereits Funkverbindungen hergestellt, alles ohne laute Kommandotöne. Alle Bauern auf den Holterhöfen mußten ihre Höfe verlassen.

Der Offizier hatte zu meinem Vater gesagt: „Gehen Sie in die nächste Stadt, dort ist für Sie gesorgt.' Wir, an deutsche Gründlichkeit und Organisation gewohnt, nahmen dies für bare Münze. Mein Vater bat mich dann, schon mal mit dem Fahrrad nach Anrath vorzufahren, um evtl. bei dem damaligen Ortsbauern Hissen zu erfragen, wo wir unterkommen konnten. Ich setzte mich also aufs Fahrrad und fuhr los, die anderen kamen dann mit dem Wagen nach. Auf dem ganzen Weg kam mir die amerikanische Armee entgegen: Panzer, Laster, Jeeps. Mein Vater hat sich die größten Vorwürfe gemacht, daß er mich losgeschickt hatte. Ich blieb jedoch unbehelligt und kam ohne Schwierigkeiten in Anrath an. Bei Familie Hissen nahm man uns herzlich auf. Vater Hissen hatte man in der Nacht aufgegriffen und — wie wir später erfuhren — mit vielen Anrather Männern in der Josefshalle gefangengehalten. Familie Hissen hatte bereits eine vierköpfige Familie aufgenommen, und wir kamen nun auch noch mit sieben Personen.

Vater ging dann los, um einen Priester für die Beerdigung zu finden. Er kam dann auch bald mit Kaplan Meurer, und so zogen wir zum Friedhof: Der Sarg stand immer noch auf dem Pferdewagen. Wir konnten jedoch nicht über die Neersener Straße, da diese durch eine Panzersperre blockiert war. Deshalb nahmen wir den Weg über Fadheider/Hausbroicher Straße. Es wurde dann wirklich eine Beerdigung „im engsten Familienkreise".

Nach drei Tagen konnten wir wieder auf den Hof zurück. Die chaotischen Verhältnisse, die wir vorfanden, zu beschreiben, nähme einige Seiten in Anspruch. Von unseren Hühnern fanden wir nur noch eins, total verstört, wieder. Von den anderen zeugte ein Haufen Knöchelchen, welchen Weg sie gegangen waren. Schweinen und Kühen hatten die amerikanischen Soldaten die Tröge mit vorgefundenem Futter gefüllt.

Da unsere Nachbarn, Familie Mörtter, noch nicht wieder zurück auf ihren Hof durften, nahmen wir sie bei uns auf. Wir benötigten mehr als eine Woche, um die Zimmer wieder bewohnbar zu machen. In der Zwischenzeit hatten wir uns in einem Raum eine Schlafgelegenheit auf Stroh geschaffen, insgesamt 11 Personen. Wir machten damals unsere erste Bekanntschaft mit Kaugummi, welches wir an Tischen, Stühlen, Betten, Kochtöpfen und anderen Gegenständen fanden - festklebend!

Zwei Wochen später mußten wir erneut den Hof verlassen. In der Zwischenzeit hatten wir ein älteres Ehepaar aus Forstwald aufgenommen, das ebenfalls sein Haus räumen mußte. Wir hatten jetzt aber etwas mehr Zeit zur Vorbereitung, so daß wir Betten und Kleidung mitnehmen konnten. Wir wurden wieder freundlich von Familie Hissen aufgenommen, auch das Ehepaar aus Forstwald.

Nach einigen Tagen erhielten wir die Erlaubnis, stundenweise zur Versorgung des Viehs und später auch zur Feldbestellung auf den Hof zu gehen. Vater und meine Brüder Josef und Karl fanden unsere Kühe weit verstreut auf den Wiesen und Feldern. Sie waren mehrere Tage nicht gemolken worden. Zwei Pferde fanden wir erst nach vielen Wochen wieder. Sie waren bei einem Bauer im Kehn, der sie aufgefangen und in Pflege genommen hatte.

Wir durften nach ca. zwei Wochen wieder auf den Hof zurück und blieben - abgesehen von sporadischen Hausdurchsuchungen durch amerikanische Soldaten - von weiteren Belästigungen bewahrt.



(Johannes hatte aus dem Wehrertüchtigungslager bis zu seinem Tod fast täglich Briefe und Postkarten an seine Familie geschrieben, die hier nachzulesen sind.)