Quelle: Bürgerverein Anrath e.V. | www.buergerverein-anrath.de | Stand: 10. Jul. 2013

1945

Johannes Sehrbrock: Briefe aus dem Wehrertüchtigungslager

Johannes (* 14.Juni 1928, † 26. Februar 1945) wurde noch kurz vor Kriegsende zum Wehrertüchtigungslager eingezogen. Er schrieb fast täglich Briefe und Postkarten an seine Familie.


WE-Lager IX/34 Jugendherberge Krefeld-Bockum
Bockum, den 30.1.45

Liebe Eltern und Geschwister!

Will nun meine erste Karte aus der Ferne schreiben. Den ersten Tag hab ich herum gekriegt. Die Fahrt hat so ziemlich geklappt. Am Degensweg mußten wir allerdings durchs Feld fahren. Ein schöner Trichter mitten auf der Straße. Straßenbahnen fahren nicht. Den Rest mit Lastwagen. Will bald näheres schreiben.

Es grüßt Euch alle
Hannes.

Spruch auf dieser Karte:
Der Führer kennt nur Kampf,
Arbeit und Sorge.
Wir wollen ihm den Teil abnehmen, den wir ihm abnehmen können.



Bockum, den 31.1.45

Liebe Eltern und Geschwister!

Komme auch heute nicht dazu, Euch einen Brief zu schreiben. Dazu haben wir nur am Abend Zeit. Da wir nun gerade unsere "Sträflingskleidung" erhalten haben, wurde nichts draus. Die zwei Tage waren wir nämlich im Einsatz. Ein Schulkamerad aus Anrath ist auch hier. Brülls. Ebenso ein Bauer aus Vorst.

Es grüßt Euch alle
Johannes


Bockum, den 1.2.45

Liebe Eltern und Geschwister!

Nun wollte ich heute einen langen Brief schreiben, und es ist doch nichts geworden. Kaum hatten wir Feierabend, gabs Vollalarm. Na, das werde ich noch morgen nachholen.

Will nun mal ausführlich berichten, wie sich die Sache hier verhält. Am 1. Tag, ich war mit mehreren anderen um 9.45 Uhr hier, gings gleich zum Einsatz. Da am Tag vorher der Angriff auf Oppum war, mußten wir hier wirken. (Will Schluß machen. Gleich Zapfenstreich).

2.2.45

Will Euch kurz sagen, der ganze Mist hier gefällt mir nicht. Es war ja auch eine gewaltige Veränderung für mich. Wenn dieser Zwang und die Großschnauzerei von Offizieren beim Militär wäre, aber nein, alles die Hitlerjungen und dann noch verschiedene jünger als wir! Aber auch diese Wochen gehen vorüber.

Ich habs ja noch nicht am schlimmsten. Einem von hier sind schon zwei Brüder und der Vater gefallen. Wo ich doch hoffen kann, dass meine Lieben an der Front und in der Heimat noch wohlauf sind. Unsere Verpflegung ist bis jetzt noch gut. Die ersten drei Tage, wo wir im Einsatz waren, bekamen wir sie ja jeweils von den jeweiligen Ortsgruppen. Am 2. und 3. Tag war ich in Diessem eingesetzt. Wir müssen dann so allerlei tun wie: Brot und Essen abladen, Holz schlagen, unversehrte Möbel aufladen und allerlei Botengänge tun. Manchmal fahren wir auch mit Möbelwagen und Essenautos mit. Verschiedene waren sogar bis zum Stahlwerk, wogegen ich nur bis zum Hauptbahnhof kam. Auf dem Weg zum Stadtgarten kam ich an Wefers vorbei. Die haben alles kaputt, wohnen jetzt Ritterstr. 296. Gestern ging es ja wieder schön rund. Also sechs mal Fliegeralarm und jedesmal müssen wir zum Bunker. Drei mal am Tag in Diessem, wo unser Bunker gebibbert hat und drei mal am Abend hier. Die Bomben müssen doch wohl nach Euch runter oder St. Tönis gefallen sein. Der Bunker war sozusagen besetzt und dann die Aufregung. Hier hat es Montag grauenhaft zugegangen. Hier in Dießem schon und in Oppum. Ganze Hektars Trichter an Trichter. Von den fünf Eisenbahnbrücken zum Pütt runter sind vier zerstört, ebenso der ganze Güterbahnhof. Auf unserem täglichen Weg kamen wir an vielen Blindgängern vorbei. Eines guten Tages, ich war diesmal mit dem Auto gefahren, ging auch einer von diesen in die Luft, wo die Kameraden gerade 50 m vorbei waren.

Nun muß ich mich erst mal für all' die schönen Sachen bedanken. Jedes Mal, wenn ich in meine schöne, liebevoll zugerichtete Kiste blicke, erblicke ich ein Stückchen Heimat in dieser kahlen, kalten Fremde. Will nun schließen und ins Bett gehen. Die Kameraden poltern. Hatten gerade zwei Entwarnungen.

Seid nun alle vielmals gegrüßt von
Hannes

Auf ein frohes Wiedersehen morgen in drei Wochen!!!


B., den 3.2.45

Liebe Eltern und Geschwister!

Kann Euch mit Freude berichten, daß wir heute (Samstag) Erbsensuppe mit Mettwurst, und nachher Pudding erhielten. Ganz wie zu Hause, und doch nicht. Trotzdem mich heute Abend bei Sonnenuntergang eine wochenendfeierliche Stimmung überfiel, war es doch nicht schön. Zu Hause war es doch sehr schön, das merkt man erst jetzt so richtig. Mich wundert nur, wo wir heute in drei Wochen sind. Wollte heute auch an Wilhelm schreiben, aber der dämliche Alarm kam wieder dazwischen.

Wir sind jetzt mit 19 Mann, morgen kommen noch ca. 100. Wir sind z.Zt. immer am knöstern. Montag fängt erst die Sache richtig an.

Es grüßt Euch herzlich
H.


Bockum. den 4.2.45

Liebe Eltern und Geschwister!

Heute, an meinem ersten Sonntag in der Fremde, will ich meinen 2. und letzten Brief schreiben. Ich hatte ja nur zwei und könnte doch ganze Litaneien schreiben. Unser Sonntag fing nicht schön an, endete jedoch besser. Heute morgen, wo wir doch hätten zur Kirche müssen, mußten wir Holz wegschaffen. Anschließend alles säubern. Wir drücken uns dann immer so rum. Mittags gab es dann Fettsuppe, Salzkartoffeln und Fleisch, und zum Nachtisch ein Häufchen Stachelbeeren. Währenddessen konnten wir auch noch den Anfang und ein Stück vom Volkskonzert hören. Alles liebvertraute Erinnerungen. Dann wurde uns gesagt, daß wir den Mittag frei hätten, was wir mit großem Hallotria aufnahmen. Ich wäre ja gerne nach Hause gekommen, was ja auch verschiedene taten. Aber die Zeit schien mir doch ein bißchen zu kurz (2 Uhr bis 7 Uhr). Wir gingen dann zu Fuß nach Krefeld ins Kino. Was sollte man auch anderes. machen. Der Film hieß "Annelie" und hat uns gut gefallen. Wie der zu Ende war, war auch der Sonntag herum. Aber das war ein Sonntag!!! Trotzdem hatte ich in meinem Herzen Sonntagsstimmung. Auf dem Heimweg hab ich dann den Rat von Vater befolgt und feste mitgesungen, da ja doch Sonntag war.

Abends kriegen wir immer ein Stück Butter und ein Stück Wurst, und Brot reichlich. Die Wurst hat man auf zwei Schnitten drauf, dabei muß das für den anderen Tag mitreichen. Dann geht's wieder an meinen Koffer. Überhaupt. der Kofferinhalt ist prima. Das ist ab und zu eine schöne Abwechslung. Auch noch meinen herzlichsten Dank dafür. Ich sitze nun (um 3 Uhr Nacht) hier auf der Bude und verbringe meine Zeit mit Schreiben. Jeder muß eine halbe Stunde wachen, da die hier keinen vernünftigen Wecker haben, und morgen um 6 Uhr zwei Mann rausmüssen. Wir stehen morgens um 6 1/2 Uhr auf. Wenn wir durch den täglichen Alarm erst nach zwölf drinkommen, können wir eine halbe Stunde länger schlafen. Trotzdem ich immer ganz gut rauskomme, gefällt mir der Morgen nicht. Ich tät viel lieber Pferde füttern. - Morgen fängt erst richtig die Ausbildung an, dann kommen auch ca. 110 Neue vom Jahrgang 1929. Dann werden sie uns solche Gedanken aus dem Kopf jagen, und ich will hoffen, daß die Tage dann schneller vergehen. Wir sind der Rest von 1928 und es wird gemunkelt, daß wir auch schon sechs Wochen machen müssen. Habt Ihr eigentlich noch keine Einberufung zum Arbeitsdienst? Die haben hier schon mehrere und werden sofort entlassen. Wir haben hier noch zwei Decken erhalten, außerdem ist hier die Heizung an, also ziemlich warm im Bett. Wir haben hier nichts zu lesen, weder Wehrmachtsbericht noch anderen Lesestoff. Aber dieser Brief kommt sicher doch erst an, wenn ich bald nachkomme. Unser Unteroffizier hat uns heute Abend gesagt, daß es im Westen bald losging, von Seiten der anderen. Auf unserer Bude hier hat früher Galland gelegen, welcher unter die Decke ein großes Kreuz gemalt hat. Will jetzt ins Bett und 'nen neuen rausschmeißen. -

So, haben jetzt ein bißchen Freizeit. Haben heute morgen Brikett gefahren mit der Handkarre. Die haben hier auch ein Pferd. Aber so richtig für WE-Lager. Wenn man den Bock nicht erst hier aus dem Loch rausschiebt, zieht er nicht. Die ganzen Dinger hier sind unordentlich, Türen kaputt und so was alles. Also richtig HJ. So, nun wollen wir sehen, was es weiter gibt.

Es grüßt Euch alle herzlich
Johannes


Bockum, den 8.2.45

Liebe Eltern und Geschwister!

Will mal wieder ein Lebenszeichen von mir hören lassen.

Es geht mir noch ganz gut. Hab mich nun doch endlich eingelebt. Man kann ja auch doch nichts dran machen. Wir dürfen hier keine nähere Sachen mehr schreiben. Auch Eure Briefe werden geöffnet. Der Winter scheint ja jetzt zu Ende zu sein. Und damit wird nun auch die Front rebellisch. Hier wird so allerhand gemunkelt. Heute habe ich den letzten Kuchen und Plätzkes verdrückt. Es waren alles prima Sachen. Die Nascherei ist jetzt aus. Heute hat uns der Tommy um 6 Uhr rausgeschmissen. Seid nur recht herzlich gegrüßt von Eurem Sohn und Bruder

Johannes.

Wenn Euch diese Karte antrifft, braucht Ihr schon nicht mehr zu schreiben.


Bockum, den 12.2.45

Liebe Eltern und Geschwister!

Heute, wo der Sonntag vorbei ist, will ich meinen Sonntagsbericht schreiben, da ich gestern wirklich nicht dazu kam. Ja, das sind so richtig die Sonntage von heutzutage. Im Frühtau schon gings auf die nasse Wiese und Strafexerzieren. Wir haben aber Spaß dabei gekriegt und den Feldwebel innerlich ausgelacht. Sonst war Dienst wie immer. Wir lagen sehr oft auf dem Bauch. Essen gabs kein besonderes. Samstagabend hab ich mein ganzes Drittel Brot aufgefuttert. Jetzt ist der ganze Kisteninhalt auf und davon. Volkskonzert können wir nicht hören. Hab mich aber auf das Latrin begeben, konnte so ein Lied hören. Dann stand aber schon eine Schlange davor, weil es zu Mittag Sauergemüse gab. Abends hatten wir schließlich noch Gewehrreinigen und Unterricht.

In der Hoffnung auf ein frohes Wiedersehen verbleibt Euer
Hannes

Eine extra feine Sonntagskarte!
(Kleinfoto vom Gautheater Saarbrücken in der Gauhauptstadt der Westmark "Lernt Deutschland kennen")


Bockum, den 13.2.45

Ihr Lieben!

Kann Euch mit großer Freude berichten, daß ich heute die erste Post erhalten habe und zwar die Karte von Agnes und den Brief von Vater. Meinen herzlichen Dank dafür. Ich habe mich sehr gefreut. Vater muß doch in Forsthaus allerhand ausgehalten haben .....

(hier bricht die Karte ab, die mit I bezeichnet war. Vielleicht hing ursprünglich eine zweite Karte daran)


14.2.45

Ihr Lieben!

Will Euch eben mitteilen, daß wir morgen zur Kaserne kommen. Ein Stück näher der Heimat. Haben heute mittag Pellkartoffeln und jeder einen Hering erhalten. War aber nachher nicht mehr gesättigt als vorher, da ich morgens nur eine Schnitte Brot hatte.

Es grüßt Euch herzlich
Hannes


Krefeld, den 15.2.45

Liebe Eltern und Geschwister!

Will nun mal von meinem neuen Aufenthalt hier schreiben. Wir liegen jetzt hier in der Kaserne. Wir sind am frühen Morgen hier abmarschiert und haben an den Stufen der Dionysiuskirche Rast gemacht. Bis jetzt gefällt es mir hier noch ganz gut, haben aber auch noch keinen Dienst gemacht. Und von wegen Dienst weht hier ein scharfer Wind. Wir haben hier sehr viele Leidensgenossen. Volkssturm jung und alt. Von dem ganzen Battl. gehören wir zur 4. Kompanie. Ich komm noch nicht recht dahinter, wie das zusammenhängt und was die mit uns vorhaben.

Seid nun recht herzlich gegrüßt von Eurem Sohn und Bruder
Hannes.


Krefeld, den 16.2.45

Liebe Mutter!

Habe heute mit großer Freude Deinen lieben Brief erhalten.

Auch meinen herzlichsten Dank dafür. Die Post scheint ja prima zu klappen. Ich kann Dir ruhig schreiben, es geht mir jetzt ganz gut. Hier in der Kaserne weht der Wind wohl schärfer wie in Bockum, aber wir erhalten hier mehr Verpflegung. Hier ist ein großes Kasernengelände, also richtig geeignet für die Rekruten. Hatten heute wunderbares Wetter. Dafür aber auch Flieger mehr.

Sei nun mit Deinen Lieben recht herzlich gegrüßt von Deinem Sohn
Johannes


Krefeld, den 16.2.85

Ihr Lieben!

Habe auch noch die Karte von Magda dankend erhalten. Von wegen Post kann ich mich nicht beklagen. Bin mal gespannt, ob ich übermorgen bei Euch bin. Hab nämlich ein schönes Angebot erhalten. Soll für unseren Feldwebel nach M. Gladbach fahren.

Und dann .... Na ja, hoffentlich klappts. Wenn Ihr die Karte erhaltet, wirds wohl schon vorbei sein. Müssen noch bis zum 28.2. hier bleiben. Ist ja auch nicht schlimm. Mir scheint, daß der Frühling bald kommt.

Seid nun herzlich gegrüßt von Eurem Sohn und Bruder
Johannes


Krefeld, den 20.2.45

Liebe Eltern und Geschwister!

Bin hier gestern abend um 1/4 vor 8 Uhr glücklich gelandet. Es hat alles prima geklappt. Es hat auch keinen Brei gegeben. Auch noch meinen herzlichsten Dank für all die schönen Sachen. Hab mich schon wieder so an den Dienst gewöhnt. Heute pladderts ja den ganzen Tag. Haben gerade (2 1/2 Uhr) Mittag gegessen. Denke, daß ich mit meinen Sachen lange auskomme.

Seid nun herzlich gegrüßt von Eurem Sohn und Bruder
Johannes.




Johannes starb am 26. Februar 1945 in den Städtischen Krankenanstalten in Krefeld und wurde am 2. März 1945 begraben, am Tag des Einmarsches der Amerikaner.