Quelle: Bürgerverein Anrath e.V. | www.buergerverein-anrath.de | Stand: 10. Jul. 2013

1945

Das Kriegsende in der Pfarrchronik


Hubert Harff war von 1940 bis 1962 Pfarrer an der katholischen Kirche in Anrath und führte während dieser Zeit ausführlich die Pfarrchronik; er hatte die Angewohnheit, von sich selber in der dritten Person zu schreiben.
Am 2. März, dem Tag des Einmarsches der Amerikaner in Anrath, wurde er auf dem Weg zu einer Beerdigung (s.a. hier) durch eine Gewehrkugel schwer verletzt. Das Geschehene hat er später in der Chronik nachgetragen.


1. März: Sehr unruhiger Tag. Immer mehr fluteten die Soldaten zurück und zeigten in ihrer armseligen Ausrüstung den wahren Zustand des deutschen Heeres, zeigten aber auch, wie wahnsinnig es war, weiteren Widerstand zu leisten. Und trotzdem sollte dieser Widerstand geleistet werden. Der Herr Ortsgruppenleiter der N.S.D.A.P. Anrath hatte ja diese Parole erlassen: Wir werden Anrath verteidigen bis zum letzten Mann.

Es waren überall Panzersperren errichtet worden, hinter denen sich der Volkssturm mit einigen Soldaten verteidigen sollten. So war auch eine Panzersperre errichtet worden auf der Viersener Straße neben dem Eingang zur Kurzestraße. Immer alarmierender wurden von Stunde zu Stunde die Gerüchte: Die Amerikaner sind schon an der Niersbrücke hieß es nachmittags. Um 6 Uhr trafen die ersten Artillerieschüsse den Ort. Der Beschuß verstärkte sich gen 8 Uhr.

Man konnte auch aus anderen Anzeichen merken: der Feind rückt näher heran. Unser Volkssturm und der siegesbewußte Herr Ortsgruppenleiter Jacob Plöcks. Er entwendete das Auto des Herrn Dr. Schetters und suchte sein Heil in der Flucht. Und Anrath war in den Händen der Amerikaner. Allerdings wußten die Bewohner des Pfarrhauses nicht Genaueres über die Geschehnisse im Ort. Sie vermuteten wohl daß Anrath besetzt sei. Im Pfarrhaus zeigte sich am Abend und auch in der Nacht niemand von den neuen Her-ren. Daß in der Kurzestraße schon jedes Haus nach Waffen untersucht war und daß die Bewohner ein Ausgehverbot zuerteilt worden war, davon wußte im Pfarrhaus niemand etwas. Desgleichen war die Tatsache, daß in der Josefshalle alle wehrfähigen Männer in Gewahrsam gehalten wurden, uns vollkommen unbekannt.

Und so glaubte der Schreiber dieser Zeilen in der Frühe des 2. März das Pfarrhaus verlassen zu sollen, um einer pfarramtlichen Pflicht nachzukommen, nämlich um den im Wehrertüchtigungslager an einer Blinddarmoperation gestorbenen Johannes Sehrbrock von Holterhöfe zu begraben.

6 1/4 Uhr verließ der Pfarrer das Haus. Es war noch Dämmerung. Im Nachbarhause bei den Bewohnern der Küsterei, wollte ich Genaueres über die Geschehnisse der Nacht hören. Niemand öffnete, niemand reagierte auf sein Klopfen und Rufen. Wie er nachher hörte, schlief alles noch im Keller. Unbehelligt ging er durch das Pastorsgäßchen, vertrauend auf die öfters vom englischen Sender ausgegebene Parole, daß Geistliche und Ärzte frei passieren könnten. Doch kaum hatte er das Gäßchen verlassen und sich auf die Neersener Straße begeben, als das Unglück kam. Bei Genings und auch bei Birkmanns stand ein amerik. Panzerauto, besetzt mit Soldaten. Aus einem dieser Wagen wurde ein Schuß abgegeben, der den Pfarrer am Oberschenkel schwer verwundete und das linke Auge verletzte so daß es verloren ging. Gleichfalls verletzt wurde die einige Schritte hinter dem Pfarrer kommende Sakristanin Schwester Angela aus dem Krankenhause. Jedoch war diese Verletzung nicht so schlimm so daß sie sich um den Pfarrer bemühen und Hülfe herbei holen konnte. Sie begab sich zu den amerikan. Soldaten, die ohne Anruf auf den Pastor geschossen hatten und bat um Mithülfe. Nach längerem Bemühen, die durch die Unkenntnis der gegenseitigen Sprache so schwer wurden, kamen zwei amerikanische Soldaten mit einer Tragbahre und trugen den Verunglückten dem Krankenhaus zu. Unterwegs löste Herr Kaplan Meurer einen der Soldaten ab. Im Krankenhause wurde sofort eine Röntgenaufnahme gemacht, die zeigte wie schwer die Verletzung war so daß, wenn das Bein erhalten werden konnte, es doch wohl viele Monate bedürfe, um den Schaden zu heilen. Am selben Morgen wurde der Pfarrer wegen einsetzender Herzschwäche mit den Hl. Sterbesakramenten versehen. Jedoch er erholte sich soweit, mußte dann aber über 10 Wochen in der Strecke liegen, bis sich die Knochen wieder zusammen gefügt hatten. Das Bein blieb ihm erhalten.

An sonstigen Opfern waren zu verzeichnen an Toten unter den Einwohnern von Anrath 9, an Soldaten (?), von denen 4 als unbekannte deutsche Soldaten mit den anderen Opfern auf dem Heldenfriedhof bestattet wurden. Daß der Ort, insbesondere auch der Kirche erhalten blieb, ist der Vernunft des Batterie-Chefs zu verdanken, der den Unsinn des Widerstandes einsehend, den Befehl nicht ausführte, die Kirche und die beiden Betriebe Krebs und Lange in Trümmern zu legen. So blieb unsere Kirche vor dem Schicksal bewahrt, daß deutsche Soldaten deutsche Kirchen sprengten wie es in der Heinsberger Gegend und auch im Jülicher Land mehr als einmal geschehen ist. [...] Die Batterie, die unserer Kirche das gleiche Schicksal bereiten sollte, lag beim Bauer Brunner. (s. Bericht über Regina Brunner)


(aus der Sütterlin-Schrift übertragen von Agnes Sehrbrock)