Quelle: Bürgerverein Anrath e.V. | www.buergerverein-anrath.de | Stand: 10. Jul. 2013

1939-45

Albert Brunner: Erlebnisse eines kleinen Jungen während und nach dem Krieg

(aus dem Anrather Heimatbuch 2006)


Regina Brunner mit fünf ihrer Kinder, von links Hildegard, Paul, Johanna, Albert und Artur

Ich wurde als viertes Kind der Eheleute Hermann und Regina Brunner auf dem Darderhof am 11.5.1939 geboren. Meine Geschwister Paul, Hildegard und mein Bruder Artur waren die älteren. Meine Schwester Johanna wurde nach mir geboren und Dorothea nach dem Krieg.

Wir Kinder verbrachten auf dem Hof eine schöne Kindheit, da wir und besonders ich nicht den Ernst der Lage erkannten. Wir haben oft mit den Klothers Kindern aus dem Kehn gespielt. Aber mit der Zeit merkte auch ich, dass Krieg war. An eine Nacht kann ich mich noch besonders gut erinnern. Es war der 23. August 1943. Es war Fliegeralarm und die voll mit Getreide (Garben) gefüllte Scheune wurde von mehreren Brandbomben getroffen. Sie stand in hellen Flammen. Um uns Kinder kümmerten sich die Mädchen vom Bremmeshof (früher Pascher, jetzt Hannen). Sie waren um die zwanzig und trugen mich und meine kleine Schwester Johanna auf dem Arm zum Bremmeshof. Die Größeren gingen zu Fuß nebenher. Diese Nacht habe ich heute noch vor Augen und in keiner guten Erinnerung. In der selben Nacht fiel auch eine 40 Ztr. Luftmine einige hundert Meter vom Darderhof ins Feld. Sie explodierte nicht, da der Deckel mit dem Zünder beim Aufschlag abgesprungen war. Mein ältester Bruder Paul lag am nächsten Tag bäuchlings auf der Bombe und stocherte mit einem Stock in dem weißen Pulver. Er hatte keine Hemmungen vor Munition und sonstigen Dingen. Dies wurde ihm auch später leider zum Verhängnis. Die Bombe wurde einige Tage später vormittags von einem Munitionsräumkommando abtransportiert.

Zwischenzeitlich hatte ich vor Flugzeugen und nachts wenn die "Christbäume" am Nachthimmel zu sehen waren, sehr große Angst. Auch das Sirenengeheul hatte sich tief in meinem Gedächtnis eingegraben und verhieß nichts Gutes. Bis weit in die 50er Jahre hatte ich immer wieder die Bilder der Kriegsjahre vor Augen, wenn Sirenengeheul ertönte.

Wurde ein Flugzeug über dem Kehn oder der näheren Umgebung abgeschossen, so machte sich mein Bruder Paul mit Freunden und mich im Schlepptau zur Absturzstelle. Paul war Jahrgang 1934. Er interessierte sich für alles und erkannte auch nicht die Gefahren. In dieser Zeit wurde er oft von unserem Vater bestraft. So hatte er zum Beispiel in Vaters Schreibtisch ein Magazin mit Bordwaffen versteckt, welches er vorher aus einem abgestürzten Bomber ausgebaut hatte. Dieses Flugzeug war nachts vorher - wir Kinder und einige Erwachsene waren im Bunker - mit ohrenbetäubendem Lärm noch über den Darderhof geflogen und in ca. 1,5 km Entfernung Richtung Windbergs im Kehn abgestürzt. Als Kind erlebte ich auch im Herbst Angriffe mit. Während wir Kinder Stoppelrüben für die Kühe pflückten, wurden wir beschossen.


Rechts und links des Hofes standen die beiden Geschütze ...

An die großen Bomberverbände, die über Anrath bzw. Kehn in Richtung Krefeld, Düsseldorf und Ruhrgebiet flogen, kann ich mich sehr gut erinnern. Sie hinterließen in mir eine große Furcht, die ich erst nach vielen Jahren verlor. Auch das Bild, als meine Mutter mit der Post an einem sonnigen Morgen die Nachricht bekam, dass ihr Bruder auf dem Balkan gefallen war, habe ich heute noch vor Augen.

So vergingen die Kriegsjahre und es kam das Frühjahr 1945. Mein Bruder Paul und ich gingen öfter nach Hochbend und besuchten die deutschen Soldaten, die dort stationiert waren. Die Wehrmachtsfirma "Todt" hatte dort ein Lager. Beim Bauern Wertz war ein Tanklager, wo man Sprit aus einem riesigen Tank in 200 Itr. Fässer und 20 Itr. Kanister umfüllte. Mein Bruder Paul und seine Freunde hatten gegenüber dem Gehöft Wertz, gut getarnt, eine Hütte gebaut, wohin er mich öfter mitnahm. Auf dem jetzigen Gelände des HPZ (früher Kinderheim) standen auch viele PKW's verschiedener Marken und Typen unter einem offenen Schuppen. Paul, seine Freunde und ich haben zum Teil die Wagen nicht gerade pfleglich behandelt. Wir haben viele Scheinwerfer und Blinker demoliert. Vater wurde einige Tage später zum Ortsgruppenleiter nach Anrath zitiert und bekam mächtigen Ärger.

Ich kann mich auch noch gut daran erinnern, wie die Pferde von den Anrather Bauern zur Musterung auf den Feuerwehrplatz geführt wurden, um die Tauglichkeit für die Wehrmacht festzustellen.


... und waren auf den Ortsmittelpunkt mit der Kirche ausgerichtet.

Am 1. März 1945 bekam der Darderhof zum zweiten Mal Einquartierung. An diesen Tag kann ich mich noch sehr gut erinnern. Vormittags kamen am Darderhof freigelassene Häftlinge aus der Strafanstalt zu Fuß vorbei. Sie trugen zum Teil alte Kleidung und eine Mistgabel bzw. Hacke auf den Schultern, um sich als Landarbeiter auszugeben. Meine Mutter gab einigen zu essen und zu trinken. Sie gingen auf dem Feldweg (Porten Mistweg) in Richtung Hochbend. Diese Bilder sind immer noch in mir lebendig. Am Nachmittag des gleichen Tages rückte die Einquartierung auf den Darderhof. Es handelte sich um eine Geschützbatterie mit ca. 100 Soldaten, die Feuerstellung bezog mit zwei 30 oder 40 cm Geschützen. Es waren dicke Brummer. Ihr Auftrag bestand darin, beim Vorrücken der Amerikaner den Verkehrsknotenpunkt Anrath (an der kath. Kirche) unter Feuer zu nehmen. Es wimmelte überall von Soldaten: auf dem Hof und rund um den Hof, auch unter dem großen Kastanienbaum (er steht heute noch) links neben der Scheune. Dort und unter der großen Pappel rechts vom Hof wurde je ein Geschütz aufgestellt. Die Soldaten holten Tannenbäume zur Tarnung der Geschütze in einem Wäldchen in der Nähe von Hochbend (Eigentümer früher Windbergs).

Wir Kinder wurden am Spätnachmittag in Begleitung meiner Mutter mit einem Pferdefuhrwerk zu den Eheleuten Jakob und Berta Meier, Kleinkollenburgstraße gebracht, wo wir auch übernachteten. Lediglich mein Bruder Paul blieb mit Eltern und dem Gesinde (Hausmädchen und Fremdarbeiter) auf dem Hof. Auf dem Weg zu Meier war Geschützdonner aus Richtung Viersen zu hören. Als unsere Mutter am gleichen Abend auf dem Darderhof ankam, hatte sich der Batterieoffizier in unserem Wohnzimmer niedergelassen. Nachdem Mutter von dem Vorhaben der Batterie, Anrath zu beschießen, erfahren hatte, suchte sie den Kommandanten im Wohnzimmer auf. Sie redete über Stunden mit ihm und beschwor ihn, den Befehl nicht auszuführen. Mutter verließ erst in der Frühe das Zimmer, als der Kommandant zugesagt hatte, nur zum Schein zu schießen. Sie hatte ihm den Vorschlag gemacht, auf die beiden Kirchen, die menschenleer waren, zu schießen. Es wurden zwei Schüsse am nächsten Morgen zwischen 5 und 6 Uhr abgegeben. Ein Schuss traf die evangelische Kirche und ein Schuss schlug in die linke obere Etage der Strafanstalt ein. Diese Stelle war noch einige Jahre nach dem Krieg, auch nach der Beseitigung des Schadens, gut zu erkennen. Die Batterie zog kurze Zeit später ab und bezog eine neue Stellung im "Bongert" vom Landwirt Kaiser, wo sie sich auch am selben Tag ergeben hat.

So hat Mutter Anrath vor einer Beschießung bewahrt, die unzählige Opfer gefordert hätte. Geschützmunition lag noch Wochen in der Nähe des Darderhofes herum.

Wir Kinder verbrachten die Nacht bei Meier. Am nächsten Tag wurden wir noch zu einer Familie in der Nähe des Kirmesplatzes gebracht. Den Namen weiß ich leider nicht mehr. Wir sind durch das "Pastors Jätzken" dorthin gekommen. Mutter hat uns dort noch am gleichen Tag, es war der 2.3.1945, aufgespürt.

Am 2.3.1945 betraten amerikanische Soldaten den Darderhof, sie nahmen die Fremdarbeiter Peter Dejonge, 21 Jahre, Holländer und Peter Guba auch 21 Jahre, Russe mit. Sie wurden von einem amerikanischen Soldaten zum Bremmeshof geführt. Dort vor dem Hof gerieten sie in ein Maschinengewehrfeuer zwischen Amerikanern, die auf dem Hof in Stellung gegangen waren und einer deutschen Maschinengewehrstellung, welche sich im Gellesbusch befand. Alle drei Personen wurden tödlich getroffen. Die Leiche des Amerikaners fiel in einen Wassergraben und tauchte erst einige Tage später an der Wasseroberfläche auf. Die Leichen des Holländers, des Russen und von vier toten deutschen Soldaten lagen einige Tage vor dem Bremmeshof und keiner kümmerte sich darum. Die vier Soldaten hatten sich in der Scheune des Bremmeshofes versteckt. Sie wurden entdeckt und von den Amerikanern erschossen.

Am 4.3.1945 stellte der amerikanische Ortskommandant in Anrath meiner Mutter eine Ausgangserlaubnis aus. Sie liegt mir im Original vor. Übersetzt lautet der Text: "Die Inhaberin, Frau Brunner, wird hiermit bevollmächtigt, zwischen halb fünf und sechs Uhr nachmittags auszugehen, um einen Priester über die Toten in der Nähe ihres Hauses in Kenntnis zu setzen." Es handelte sich hier um die Toten Peter Dejonge, Peter Guba und die vier erschossenen Soldaten. Vater hat dann die Toten mit Pferd u. Wagen zum Friedhof nach Anrath gebracht. Die beiden Ausländer sind in einer Gemeinschaftsgrabstelle beigesetzt. Die Namen sind auf dem Grabstein eingraviert. Mit beiden haben wir als Kinder oft gespielt. Die vier Soldaten, deren Namen mir nicht bekannt sind, sind auf dem Ehrenfriedhof beigesetzt.

Wenige Tage später bekamen die Eltern die Nachricht von den Amerikanern, den Hof zu verlassen. Dieser Zustand dauerte einige Wochen. Das Vieh wurde beim Bauern Max Gilles und beim Bauern Rolf Soentjes untergebracht. Das Feld konnte weiter bewirtschaftet werden. Mein Vater fragte am 2.4.1945 nachmittags meinem Bruder Paul, ob er auch zum Feld nachkäme. Paul sagte: "Ja. Ich hole noch meinen Freund Theo Niederberger ab." Er wohnte an der evangelischen Kirche. Paul und Theo fanden in der Nähe des einzelnen Hauses "Knechten" (das Haus existiert heute noch) eine Gewehrsprenggranate. Paul hob sie auf und warf sie fort. Theo ging in Deckung, warnte meinen Bruder noch, doch Paul holte sich die Munition wieder. Er drehte daran und sie explodierte in seiner Hand. Mein Bruder war auf der Stelle tot. Dies war für die Eltern ein sehr schmerzlicher Verlust. In nächster Zeit hielten uns die Russen aus der Strafanstalt in Atem und ich habe in dieser Zeit recht viel Angst gehabt. Die Russen kamen in den ersten Nachkriegstagen in der Mittagszeit und wurden von Mutter beköstigt. Wir hatten gerade geschlachtet und das hatten sie herausgefunden. Vater stellte sich vor die Keller in dem die Vorräte lagerten und wollte keinen hineinlassen. Die brenzlige Situation beruhigte sich. Die Russen gaben aber zu verstehen, dass sie den Darderhof in den nächsten Tagen überfallen werden. Mutter ging durch den Kuhstall über den Hof und wollte gerade das Hoftor passieren, um Hilfe zu holen, da trat hinter einem Torpfeiler ein Russe mit einem Messer in der erhobenen Hand hervor und bedrohte Mutter. Sie war von Gestalt nicht sehr groß und wich aus und lief ins Haus zurück. Diesen Vorgang habe ich mit eigenen Augen gesehen. Kurze Zeit später schlich Mutter hinter der Scheune durch den Garten und den Hofgraben und erreichte den britischen Kommandanten in der Strafanstalt. Sie konnte "englisch" und so konnte sie dort ihr Anliegen vortragen. Monatelang hat von diesem Tag an ein amerikanischer Offizier auf dem Darderhof nachts geschlafen, um die dort lebenden Menschen zu beschützen. Er bekam von uns die Wäsche gemacht und hat auch mit uns zusammen Weihnachten gefeiert.

Meine jüngere Schwester Johanna starb 1946 mit fünf Jahren und 1948 meine kleine Schwester Dorothea mit vier Monaten. Die Eltern haben eine schwere Zeit ertragen müssen und haben diese gemeinsam mit Gottes Hilfe gemeistert. 1983 feierten sie noch Goldhochzeit. Vater verstarb 1985 mit 85 Jahren. Meine Mutter verstarb 1999 im Alter von 95 Jahren. Mutter war eine kleine Person mit einem Kämpferherz und äußerst diszipliniert. Wäre sie heute geboren, so wäre sie bestimmt in einer Frauenbewegung tätig. Sie war sehr gläubig, den neuen Herausforderungen der Zeit sehr aufgeschlossen und sehr sozial eingestellt. In den letzten Kriegsjahren hat sie im Kehn für uns Kinder und die Kinder der Nachbarschaft kleine St. Martinszüge organisiert.

Sie hatte Talent zu malen und hat in den letzten Jahren viel gelesen. Sie ist oft noch im hohen Alter zu meiner Schwester nach Kanada geflogen. Das Malen hat meine Schwester Hildegard geerbt.

Von den sechs Geschwistern leben nur noch Hildegard und ich. Hildegard lebt mit ihrer Familie seit vielen Jahren in Kanada und ich mit meiner Familie in Tönisvorst. Mein Bruder Artur verstarb 1993 mit 57 Jahren.