Quelle: Bürgerverein Anrath e.V. | www.buergerverein-anrath.de | Stand: 10. Jul. 2013

1918-26

Kriegsende

Ende des Kaiserreichs, Belgische Besatzung, Inflation, Separatisten und Teilbefreiung der Rheinlande -
Ein Angehöriger des Jahrganges 1912 erinnert sich

(aus dem Anrather Heimatbuch 1979)

Als Angehöriger des Jahrganges 1912 wurde ich am 1. April 1918 eingeschult. Zur damaligen Zeit gab es in Anrath zwei Schulgebäude, die Schule an der Allee für Jungen und die Schule an der Neersener Straße für Mädchen. Während die Schule an der Allee heute noch so ist wie vor 60 Jahren, dient das alte Schulgebäude an der Neersener Straße heute anderen Zwecken. Wie damals üblich, befand sich in jedem Klassenzimmer ein Bild SM, Wilhelm II. Daran habe ich aller keine Erinnerung mehr. Eines Tages, es war im November 1918, betraten wir unseren Klassenraum und bemerkten als erstes, daß sich an der Wand über dem Sitz des Lehrers ein großer weißer Fleck befand. An dieser Stelle hing das Kaiserbild, und sein Verschwinden kündigte uns an, daß es ab nun keinen Kaiser mehr gab. Und auch der Krieg, unter dem wir uns nichts richtiges vorstellen konnten, war nun endlich, nach vier Jahren, zu Ende. Einige unserer Schulkameraden hatten in diesem Krieg ihren Vater verloren.

Es dauerte nicht lange, und die Eindrücke oder auch das Wissen um das Ende des Krieges wurden größer und bewußter. Die ersten Soldaten kamen, wenn auch noch spärlich, nach Hause zurück. Schneller als die deutschen Soldaten waren aber die Belgier.

Fremde Soldaten kamen und machten im Ort Quartier. Uns gingen die Augen nicht mehr zu - denn hier lernten wir eine völlig fremde Welt kennen. Ja, es war so, daß manche Mitschüler eher fremde Soldaten kennen lernten als ihre eigenen Väter! Und was die fremden Soldaten so alles mit sich führten! Pferde über Pferde, Kanonen, Maschinengewehre, Kriegsgeräte aller Größen und Arten vor allem aber - Feldküchen - die wir als Gulasch-Kanonen bezeichneten. Dies hatten wir so von den Erwachsenen gehört. Als erstes bemerkten wir an den Gulasch-Kanonen den verführerischen Duft!

Schließlich hatten auch wir Kinder unter den Entbehrungen der langen Kriegsjahre zu leiden und hier sahen wir dann plötzlich Dinge und Herrlichkeiten, daß uns die Augen überliefen.

Kein Wunder, daß uns die Düfte magisch anzogen und wir den Düften auch nachgingen. Was wußten wir von "Feinden"? Ich weiß noch, daß eine Feldküche auf dem Hof von TottenGennings auf der Süchtelner Straße stand. Dorthin zog es uns, wenn die Schule aus war.

Uns Kindern gegenüber waren die fremden Soldaten zumeist auch großzügig. Sicherlich waren auch Väter dabei, die dann an ihre eigenen Kinder fern in Belgien dachten. So fiel für uns manches Stück Fleisch, weißes Brot, Bisquits, Südfrüchte und Schokolade ab. Südfrüchte und Schokolade kannten wir nur vom Hörensagen, weißes Brot gab es schon eine Ewigkeit nicht mehr. Ich meine, unser Dorf hat nicht viel unter der Besatzung gelitten. Dafür waren wir schließlich zu unbedeutend. Allerdings waren die Einquartierungen schon lästig.

Langsam aber sicher kam die Inflation heran. Wir lernten mit Millionen mit Billionen und sogar mit Milliarden umgehen. Nur - man konnte nichts Gescheites damit anfangen.

Ich erinnere mich noch, daß ich einmal bei Schmitz-Mönk Kegel aufsetzte. Dafür erhielt ich dann von Weger Michel einen Milliardenbetrag, den ich auf ein Sparkonto bei Uerscheln auf dem Sand setzen mußte.

Im Herbst 1923 machten wir dann auch noch Bekanntschaft mit den sog. Separatisten, die vor allem im französischen Sold standen. Meist waren es Arbeitslose, zum großen Teil aber auch Kriminelle. Sie sollten für eine sog. "Rheinische Republik" kämpfen. Den Besatzern ging es aber in Wirklichkeit gar nicht um einen selbständigen Rheinischen Staat, der vom preußischen Joch befreit werden sollte.

In Wahrheit wollten die Besatzer an Kohle, an Stahl und an sonstige Wirtschaftsgüter heran. Denn inzwischen war die Ruhr-Besetzung erfolgt, d.h. die Franzosen und die Belgier waren auf das rechte Rheinufer vorgedrungen, was sie aber nach dem Versailler Vertrag nicht durften. Angeblich hatten bei Reparationslieferungen einige Telegrafenstangen und einige Zentner Kohle oder Koks gefehlt. Das war dann der Vorwand.

Die Reichsregierung in Berlin - damals Reichskanzler Cuno - rief den passiven Widerstand aus. Das hatte nun zur Folge, daß die Anordnungen der Besatzung nicht mehr befolgt wurden. Alle öffentlichen Verkehrsmittel, in der Hauptsache aber die Reichsbahn, wurden deutschen Stellen entzogen. Es kam die sog. "Regie-Bahn", was wiederum zur Folge hatte, daß kein Deutscher mit der Bahn fuhr. Für die vielen Anrather, die auswärts ihren Arbeitsplatz hatten, war das schon recht umständlich. Schließlich mußten sie ihren Arbeitsplatz anderweitig erreichen, d.h. mit Fahrrad oder zu Fuß, denn Busverbindungen gab es damals noch nicht.

In diese gespannte Situation kamen dann die Separatisten. Ich erinnere mich, daß eines Nachmittages Anfang Oktober 1923 LKW's beladen mit Separatisten aus Richtung Krefeld kamen und zur Strafanstalt fuhren. Die "Kämpfer"waren zu erkennen an ihren grün-weiß-roten Armbinden.

Wahrscheinlich wollten sie die Strafanstalt "übernehmen". Aber dazu kam es nicht. Die Beamten in der Anstalt, die ja bewaffnet waren, wichen keinen Meter von ihren Plätzen. Im Rücken der Saparatisten hatten sich inzwischen die Arbeiter von Lange und Krebs versammelt. Vor sich hatten die Separatisten die verschlossene Anstalt, besetzt mit bewaffneten Beamten, im Rücken die Arbeiterschaft, die aber nur mit Stökken, Beilen, z.T. auch mit Schaufeln und Gabeln bewaffnet waren. Natürlich wäre es ein ungleicher Kampf geworden. Nach einigen Stunden zogen die Separatisten wieder in Richtung Krefeld ab. Hier in Krefeld ging es nicht so unblutig zu. Es wurde vielmehr heftig gekämpft und einige Polizeibeamte verloren dabei ihr Leben. Nach ihnen sind noch heute Straßen benannt, so z.B. die Schneiderstraße und die Lenssenstraße.

Dr. Paul Kleinewefers, Seniorchef der bekannten Kleinewefers-Unternehmen, hat in seinem Buch "Jahrgang 1905" diese Zeit sehr anschaulich geschildert.

So gingen die ersten "Zwanziger Jahre" dahin! Nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages sollte der linke Nie- derrhein, die Besatzungszone I, - sie ging von Köln bis Kleve - schon zum 31. 12. 1923 - wenn ich mich richtig erinnere - geräumt sein. Dazu kam es aber nicht, weil wir angeblich mit unseren Reparationslieferungen rückständig waren, was durchaus stimmen kann.

Damals entstand in Abwandlung eines bekannten Rheinliedes auch das Spottlied:
"Warum ist es am Rhein so schön Am Rhein so schön,
Weil die Belgier, die Aape
An de Rhin stond
on jaape
Darum ist es am Rhein so schön
Am Rhein so schön".

Den damaligen Reichsregierungen - ich glaube es waren die Reichskanzler Dr. Luther und Dr. Marx - gelang es in langen und zähen Verhandlungen, die Räumung der Zone I auf den 31. Januar 1926 zu verlegen. Sehr maßgeblich beteiligt an diesen Verhandlungen war auch der langjähige Reichsaußenminister Dr. Gustav Stresemann. Stresemann war für 100 Tage Reichskanzler gewesen und zwar als Nachfolger von Dr. Cuno, der den passiven Widerstand eingeführt hatte, ihn aber aus wirtschaftlichen Gründen nicht länger durchführen konnte. Nach seinem Rücktritt vom Amt des Reichskanzlers hat sich Dr. Stresemann dann als Außenminister zur Verfügung gestellt. Ihm gelang schließlich der außenpolitische Durchbruch, der mit dem Vertrag von Locarno gekrönt wurde. In dem französischen Außenminister Aristide Briand fand er einen verständnisvollen Partner.

Im Zuge dieser langen, zähen und geduldigen Verhandlungen wurde dann das Deutsche Reich - damals gab es noch ein Deutsches Reich - langsam aber sicher außenpolitisch wieder ein Faktor.

Zur Befreiung fanden in allen Orten nächtliche Feiern statt. Wir waren von Rektor Drühe ausdrücklich zur Teilnahme aufgefordert worden, schließlich wurden wir ja schon 14 Jahre alt.

Ich weiß noch, daß Bürgermeister Heinrich Neusen vom Balkon des Rathauses an der Viersener Straße eine patriotische Rede hielt und ein dreifaches Hoch auf das Vaterland und den Reichspräsidenten, Generalfeldmarschall von Hindenburg, ausrief. Dann sangen wir das Deutschlandlied.