Quelle: Bürgerverein Anrath e.V. | www.buergerverein-anrath.de | Stand: 10. Jul. 2013

1941: Dr. Bernhard Burgstaller - Hungertod im Gefängnis

von Prof. Dr. Leo Peters - aus der Rheinischen Post vom 28.05.2011

Ein von den Nazis verhafteter österreichischer Abt erliegt den unmenschlichen Haftbedingungen. In Anrath gab es viele politische Gefangene. Die Informationen über deren Schicksale sind dünn gesät. Viele Akten wurden nach 1945 vernichtet.

Der österreichische Abt Dr. Bernhard Burgstaller wurde von den Nazis von Wien nach Anrath gebracht, wo er im Gefängnis starb. FOTO: KN

War das in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts errichtete Anrather Gefängnis mit 546 Plätzen für Männer und 211 für Frauen bis 1933 eine gewöhnliche Haftanstalt für regulär verurteilte Straftäter gewesen, so wurde auch diese Anstalt bald nach der Machtergreifung Hitlers Bestandteil der nationalsozialistischen Unterdrückungsmaschinerie. Die Nachrichten über Einzelschicksale und Details der Haftbedingungen sind insgesamt dünn gesät, viele Akten wurden nach 1945 und sogar noch wesentlich später vernichtet. Umso mehr Anerkennung gilt deshalb Ulrich Bons, der nach langwierigen Recherchen Licht in das Dunkel der Geschehnisse brachte und dies in zwei wichtigen Aufsätzen im Kreisheimatbuch der Jahre 2000 und 2002 darstellte.

Kontakte zum Widerstand

An dieser Stelle sei eines besonders spektakulären und grausamen Falles gedacht, der sich vor 70 Jahren abspielte. Er endete mit dem Hungertod des Abtes des 1146 gegründeten bedeutenden Zisterzienserklosters Wilhering in Oberösterreich Dr. phil. Bernhard Burgstaller. Sein Kloster war nach Ulrich Bons' Darstellung schon am Tag nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland durchsucht worden. Obwohl der Abt bemüht war, den Nazis keinen Anlass zu weiteren Maßnahmen gegen das Kloster zu bieten, wurde der Druck, insbesondere die wirtschaftliche Bedrängnis, immer größer. Und als dann Kontakte von Klosterangehörigen zu österreichischen Widerstandsgruppen bekannt wurden, kam es zu Verhaftungen, zur Besetzung des Klosters durch die Gestapo und schließlich zu seiner Auflösung. Drei Widerstandsorganisationen waren in Wien von einem Gruppenmitglied für eine Spitzelprämie von 30 000 Reichsmark an die Gestapo verraten worden. Zu den über 200 Verhafteten gehörten auch sechs Zisterzienser aus Wilhering. Als sich der Abt persönlich in Wien über das Schicksal seiner Mitbrüder informieren wollte, wurde auch er am 12. November 1940 verhaftet. Da Kontakte unter den Inhaftierten nicht möglich waren, erfuhr Burgstaller erst im März 1941 bei einem Verhör, weshalb man ihn festgenommen hatte.

Verlegung nach Anrath

Schon die Haftbedingungen in Wien waren gesundheitlich äußerst abträglich für den 55jährigen Geistlichen und Altphilologen gewesen. Große Mühe hatte der Ersatz seiner zerbrochenen Brille bedeutet und die Mangelernährung machte ihn, wie er verschlüsselt schrieb, viel "leichter". - "Ich habe schon etwas mehr als nur das überflüssige Fett verloren". Aber in Anrath sollte am Ende alles noch schlimmer werden. Dorthin nämlich wurde Abt Dr. Burgstaller am B. Juli 1941 gebracht, zusammen mit sieben weiteren Zisterziensern seines Klosters und vielen anderen Widerständlern.

Der Transport von Wien ins Rheinland war geprägt von Demütigungen und Peinigungen. "Mangelernährung, Kälte und Bewegungsmangel" (Bons) setzten dem hoch gebildeten Abt nach Monaten der Haft derart zu, dass er am Allerheiligentag 1941 einem Schlaganfall erlag. Amtsarzt und Leichenbestatter bezeichneten seinen Leichnam als "Hungerleiche". Das Gewicht des Toten war unter 40 Kilogramm gesunken. Noch zwei Tage vor seinem Tod hatte er vielsagend mit bitterer Ironie aus Anrath geschrieben: "Hier ist nun eine noch fettärmere Gegend als selbst in Wien und so kann ich mir diese Wirkung auf meinen körperlichen Zustand erklären".

Weitere mit ihm Inhaftierte kostete die Haft das Leben, andere wurden nach Wien zurückgebracht, wo einige der politischen Anführer der Widerstandsgruppen (Roman Scholz *16.1.1912, Rudolf Wallner *1.4.1903, Dr. jur. Hans Zimmer *1.12.1912) am 10. Mai 1941 enthauptet wurden. Der Theologiestudent Hanns Georg von Heintschel-Heinegg starb am 5.12.1944 in Wien unter dem Fallbeil.

Leidensort für Kommunisten

Ulrich Bons hat bei dem "Versuch einer Rekonstruktion" des Anrather Gefängnisses im Dritten Reich (Heimatbuch 2002) deutlich gemacht, dass es schon kurz nach der Machtergreifung der Nazis zu einem regional markanten Bestandteil des Unrechtsstaates wurde. Besonders viele sogenannte "Schutzhäftlinge" wurden hier eingepfercht. Mit insgesamt 1040 Gefangenen war die Anstalt schon im November 1933 mehr als doppelt so stark belegt wie fünf Jahre zuvor. Waren es bis zum Kriegsausbruch 1939 vorwiegend Deutsche, die in Anrath schmachteten, kamen nach Kriegsbeginn auch viele verurteilte Ausländer dazu. Für manche war Anrath auch nur die Vorstufe für ihr späteres Leiden in Mauthausen, Auschwitz oder Buchenwald.

Zu den bekannteren Häftlingen in Anrath gehörte der Krefelder KPD-Stadtverordnete Aurel Billstein und der ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete Fritz Lewerentz. Zeugen Jehovas verbüßten hier ihre Haft, ferner der Diözesan-Caritasdirektor und Zentrumsabgeordnete Alfred von Itter, der spätere Krefelder Oberbürgermeister Josef Hellenbrock (SPD) und der Pfarrer von St. Dionysius in Krefeld Dr. Georg Schwamborn. Im Gefängnis Anrath verstarb die Nichte des späteren französischen Außenministers Georges Bidault von der Résistance. Im Gefolge des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" gab es schließlich eine "Kriminalbiologische Forschungsstelle im Gefängnis Anrath".

So ist diese Haftanstalt ein Spiegelbild vieler Unmenschlichkeiten des Dritten Reiches, unter der Priester und Kommunisten gleichermaßen gelitten haben.

Ein Gerichtsverfahren oder gar ein Urteil gegen Abt Dr. Burgstaller hat es nicht gegeben. Oberlebende der katholischen Widerstandsgruppen gründeten nach ihrer Befreiung 1945 einen "Anrather Kreis". Die ebenfalls in Anrath inhaftierten Kapläne Heinrich Zeder und Ignaz Kühmayer publizierten 1947 ihre Erlebnisse in der Haftanstalt. In einem düsteren Licht erscheint dabei die Gestalt des damaligen Anrather Gefängnisdirektors, vier die NS-Ordensburg Vogelsang besucht hatte und in einem signifikanten Gegensatz zu dem humanitär wirkenden Gefängnisseelsorger Johannes Marschang stand.