Quelle: Bürgerverein Anrath e.V. | www.buergerverein-anrath.de | Stand: 30. Dec. 2015

1794 ff.: Die Franzosen am Niederrhein

Im Anrather Heimatbuch sind in der Vergangenheit mehrere Artikel über die Zeit der französischen Besatzung am Niederrhein und die Auswirkungen für Anrath erschienen; diese sind nachstehend wiedergegeben.



Aus dem Heimatbuch 2008:

Die Franzosenzeit

von Sibille Jäger

Nach den vielen Belastungen durch endlose Kriege, die dem Volk Hunger und Armut brachten, brach im Jahre 1789 in Frankreich die Revolution aus - mit vielen Folgen für das ganze Europa: Nichts war 50 Jahre später noch wie früher: Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hatte aufgehört zu bestehen.

Auch für Anrath hatten die Ereignisse unmittelbare Folgen: Die Kantonalbehörde der französischen Verwaltung lag in Neersen, und Neersen wurde eigene Pfarre, nachdem es jahrhundertelang zu Anrath gehört hatte.

Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit

Diese Losung der Französischen Revolution war den Leuten am Niederrhein eigentlich sympathisch, gewissermaßen eine Folgerung aus den Lehren ihres katholischen Glaubens, wenn man ihn ernst nahm. Es gab zwar auch hier Schlösser und Adelshäuser, aber es hat kaum Probleme gegeben. Man fühlte sich nicht unterdrückt und Steuern und Abgaben waren notwendig zum Unterhalt des Gemeinwesens und zur Armenpflege. Es gab viele Kunstwerke in Kirchen und Klöstern, zum großen Teil aus frommen Spenden anlässlich von Wallfahrten und Gottesdiensten. Dies alles stand im Gegensatz zur Entwicklung in Frankreich.

Zunächst also war den französischen Nachbarn eine gewisse Sympathie sicher. Das hat nicht lange angehalten. Denn als es ans Morden und Brandschatzen ging, war es auch vorbei mit den frommen Sprüchen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Während Frankreich sich schon lange als Nationalstaat verstand, waren seine Nachbarn, vor allem Deutschland, aufgeteilt in Kurfürstentümer, Herzogtümer und Grafschaften. Unsere engere Heimat stand unter dem Regime des Kurfürsten von Köln. Die Kurfürsten kamen nach vielen Auseinandersetzungen vor allem aus Bayern und Österreich. Der letzte Kölner Kurfürst war ab 1784 Maximilian Franz, ein Sohn der Kaiserin Maria Theresia von Österreich. Ihm wurde nachgesagt, dass er sich für Sparsamkeit, Ordnung und Gerechtigkeit einsetzte, nachdem seine Vorgänger, vor allem der Wittelsbacher Clemens August, sich in Prachtentfaltung und Bautätigkeit hervorgetan hatten. Ihm blieb nicht viel Zeit für seine Pläne. Er floh vor den anrückenden französischen Heeren bereits 1792 nach Münster und hat seine Regierungsstadt Bonn nicht wiedergesehen.


Freiheit Gleichheit
Crevelt, den 3ten Ventose im 3ten Jahre der Republik (Anm.: 21. Februar 1795)
G I L L E T Volks-Repräsentant bey der Sambre- und Maas-Armee
Auf die Ihm von der Central-Verwaltung des Landes zwischen Maas und Rhein geschehene Anzeige: das es unmöglich wäre, den Armen, Bedürftigen, und Taglöhnern Brod zu verschaffen, wenn dieselbe nicht ermächtigt würde, die Requisitions-Wege einzuschlagen.
Beschließe, daß die Verwaltung ermächtigt seye, die zum Unterhalte der Armen unumgänglich nöthigen Früchten-Requisitionen fortzusetzen.
(unterz.) Gillet

(Für beglaubigte Abschrift):
D e s c a m p s
National-Agent.
Eingetragen in die Protokollen der Central-Verwaltung des Landes zwischen Maas und Rhein, um verkündiget, und zu den Bezirksverwaltungen, sofort von diesen zu allen von ihnen abhängenden Munizipalitäten versendet zu werden, welche diesen Beschluß lesen, verkündigen, anheften, und den Empfang desselben den bey den Bezirks-Verwaltungen angestellten National-Agenten (die darüber den National-Agenten der Central-Verwaltung zu benachrichtigen haben) bescheinigen sollen. So geschehen Aachen den 5ten Ventose im 3ten Jahre der einigen und untheilbaren französischen Republik.

Descamps National-Agent
Simeon, Präsident
Sinsteden, Sekretär General Adj.

Die extrem kirchenfeindliche Einstellung der französischen Revolutionäre, die Vernichtung der Kirchen und Klöster, Gefangennahme und Vernichtung des Adels brachte ein Bündnis von Preußen und Österreichern zustande, das im Jahr 1792 zum Einmarsch in Frankreich führte. Die Preußen gelangten bis in die Champagne, mussten aber den Rückzug antreten. Das ganze Unternehmen schlug schließlich in einen Siegeszug der französischen Revolutionsarmee um, die nach Belgien das preußische Geldern und die Städte Aachen, Speyer, Worms und Mainz besetzten. Die österreichische Armee zog sich hinter die Rur zurück. Im Oktober 1792 bereits hatten französische Truppen Krefeld besetzt, wo sie eine Kontribution von 300 000 Gulden erzwangen. Das Entsetzen über die in Frankreich verübten Gräuel veranlasste die europäischen Staaten, eine Koalition gegen Frankreich zustande zu bringen: Österreich, Preußen, England, Russland, Holland, Spanien, deutsche Reichsfürsten, Sardinien und Portugal gehörten dazu. Die Kriegsanstrengungen wurden verstärkt.

Im Juni 1794 gelang den Franzosen ein Sieg bei Fleurus in Belgien, weitere Feldzüge folgten. Ende September 1794 standen französische Heere bei Aachen, überquerten die Rur und eroberten die Festung Jülich. Am 5. Oktober kamen sie nach Neuß, am 6. Oktober zogen sie in die Reichsstadt Köln ein.

Am Nachmittag des 9. Oktober 1794 kamen französische Truppen von Willich aus nach Neersen und Anrath, gleichzeitig rückten Truppen von Viersen aus nach Haus Clörath vor. Im Ganzen waren es 18000 Mann, die in und um Anrath lagen und anderntags weiterzogen. Die Einwohner hatten alles Besitztum vergraben und waren teilweise in die Wälder geflüchtet. Die eroberten Orte wurden für eine Stunde zur Plünderung freigegeben.

Bis zum Ende des Jahres 1794 brachten die Franzosen das ganze linke Rheinufer in ihre Gewalt. „Wir geben euch die Freiheit, glückliches Land!“ Dieser Aussage glaubte niemand mehr. Zwar waren die Gewalttaten der Revolutionäre inzwischen abgeschwächt, aber für die Leute am Niederrhein setzte Verarmung und Not ein.

Am 5. April 1795 überließ Preußen im Sonderfrieden von Basel seine linksrheinischen Besitzungen den Franzosen. Am 1. Oktober 1795 erklärte der Französische Konvent die Länder auf dem linken Rheinufer für immer mit Frankreich vereinigt. Im Frieden von Lunéville erkannte der deutsche Kaiser am 9. Februar 1801 im Namen des Reiches die Abtretung an, damit war auch der Niederrhein französisch geworden.

Inzwischen hatte in Frankreich im Jahr 1793 ein General Napoleon - er war erfolgreich gewesen in einer Schlacht gegen England - die Gewalt an sich gerissen. Er wurde nach dem Sturz des revolutionären Direktoriums im Jahr 1799 erster Konsul Frankreichs, schlug dann das erbliche Kaisertum vor und wurde 1804 Kaiser der Franzosen.

Umwälzungen und Änderungen

Die großen Umwälzungen dieser Zeit können hier nicht alle erörtert werden. Nach französischem Vorbild wurde auch das neufranzösische Gebiet zentralistisch geordnet. Es wurde in vier Departements aufgeteilt, die Departements in Arrondissements, diese in Kantone.

Anrath gehörte zum Roer-Departement mit Aachen als Regierungsstadt; dieses Departement war 135 Quadratmeilen groß und umfasste 500 000 Einwohner. Es umfasste große Teile des früheren Kurfürstentums Köln, der Herzogtümer Kleve und Geldern und der Grafschaft Moers und die Reichsstädte Köln und Aachen. Anrath gehörte zum Arrondissement Krefeld, das sich aus elf Kantonen zusammensetzte: Krefeld, Uerdingen, Moers, Rheinberg, Kempen, Viersen, Bracht, Odenkirchen, Erkelenz, Neuß und Neersen. Die Verwaltung hatte ein Unterpräfekt inne. Der Kanton Neersen hatte zehn Bürgermeistereien (Mairien): Neersen, Gladbach, Obergeburth, Oberniedergeburth, Kleinenbroich, Korschenbroich, Liedberg, Schiefbahn, Willich und Süchteln. Hinzu kam 1798 noch die Bürgermeisterei Kleinkempen; sie wurde vom Kanton Kempen abgetrennt und dem Kanton Neersen zugeteilt. Die Kantonalbehörde war die Kantonsversammlung mit einem von der Regierung in Paris ernannten Kommissar: in Neersen der frühere Amtmann der Vogtei Karl Josef Lenders.

Bei dieser ganzen Umwälzung wurden alle geistlichen Herrschaften abgesetzt. Eine kirchenfeindliche Haltung führte zur Enteignung der Kirchen. Die Klöster wurden geschlossen. Dieses Gebaren machte auch vor dem Kalender nicht Halt: Nicht mehr Christi Geburt, sondern die Revolution war für die Zählung der Jahre wichtig; es gab zehn Monate mit je drei Dekaden, der Sonntag war ebenso abgeschafft wie christliche Feiertage, jeder zehnte Tag war arbeitsfrei. Die Kreuze mussten aus dem öffentlichen Bereich entfernt werden, sie wurden von Kirchen und Heiligenhäuschen abgenommen oder durch Balken zu Sternen umfunktioniert (beim Heiligenhäuschen Johannes Bomesines hat man beim Abnehmen des Kreuzes gleich die ganze Figur abgenommen und in den Flöthbach geworfen). Heirats- und Sterberegister, bislang von den Pfarreien geführt, unterstanden jetzt der weltlichen Verwaltung, und es war der Kirche streng verboten, eine kirchliche Trauung ohne einen weltlichen Trauschein vorzunehmen.

Diese stark kirchenfeindliche Haltung wurde durch Napoleon gemildert, trotzdem wurde im Jahr 1802 der gesamte kirchliche Besitz aufgelöst. Im Jahr 1803 führte der Reichsdeputationshauptschluss in allen deutschen Ländern zur Aufhebung kirchlichen Besitzes. Die Verluste an Kunstgütern waren unbeschreiblich groß. Hunderte von Kunstwerken wurden enteignet und verschleudert. Anrath, bis zum Anschluss an Frankreich durch die Jahrhunderte vorher an Freiheit und Selbständigkeit gewöhnt, verlor diese 1798, als die Gemeinde in den Bürgermeisterverband Neersen eingegliedert wurde. Es blieb Hauptort der Mairie. Langjähriger Bürgermeister war der Anrather Johann Gottfried Spennes. Neersen war aber Sitz der Kantonsverwaltung. Durch das Wirken des früheren Amtmanns Lenders bildete sich 1799 eine Pfarrei Neersen und löste sich mit der Kapelle „Klein-Jerusalem“ aus dem Anrather Pfarrverband.

Was dann weiter geschah

Als Eroberer trat Napoleon einen Siegeszug durch ganz Europa an. Die Feldzüge kosteten Blut und Geld, auch für die Neufranzosen im Rheinland, die als Soldaten eingesetzt wurden (manche entzogen sich durch Flucht in rechtsrheinische Gebiete diesem Schicksal). Bald war der Krieg auch nach Mittel- und Ostdeutschland gezogen, ganz Europa stand im Krieg. Der Feldzug gegen Russland, den Napoleon im Jahre 1812 begann, brachte die Wende, der Rückzug begann. Aber auch diese letzten Jahre der französischen Besatzung brachten noch schwere Belastungen durch Einquartierungen durch die Besiegten, später durch die Sieger mit sich.

Am 10. April 1814, zu Ostern, kam auch nach Anrath die Nachricht, dass Napoleon gefangen und die französische Armee besiegt sei.

Im Mai 1814 wurden die „französischen Rheinlande“ als Generalgouvernement vom Nieder- und Mittelrhein in preußische Verwaltung übernommen. Der Wiener Kongress brachte dann im Januar 1815 die Länder auf dem linken Rheinufer in den Besitz Preußens.


Ausführliche Berichte finden sich in Kricker, Geschichte der Gemeinde Anrath (Kempen 1959)



Aus dem Heimatbuch 2008:

Das Wirken des Amtmanns Karl Josef Lenders

von Sibille Jäger

Der letzte Amtmann der Vogtei Neersen, Josef Lenders.

Bei der Einrichtung ihrer Verwaltung in den neuen Kantonen gaben die Franzosen Neersen den Vorzug vor Anrath. In Neersen stand das Schloss, die kirchliche Behörde des Kurfürstentums Köln hatte dorthin die Hoheitsrechte übertragen. Die Vögte sammelten die Steuereinnahmen für Köln, sie ordneten die Nutzung der Brüche und Heidegebiete, sorgten für die Befestigungsanlagen des Fleckens Anrath, und hatten auch die Gerichtsbarkeit, bei schweren Fällen durch das Gericht hinter der Anrather Kirche. Auch ihre Grablege war in Anrath.

Die Familie Palandt übte dieses Vogtsamt bis 1498 aus, Frau Agnes von Palandt heiratete Ambrosius von Virmond; danach waren die Virmonds bis 1744 Vögte in Neersen. Nach dem Tod des letzten Virmond Ambrosius Franz Friedrich im Jahr 1744 stritt seine Witwe jahrelang mit den KOIner Beh6rden. Diese zog Schloss und Herrlichkeit Neersen als erledigtes Lehen ein und bildete es um in eine kurkölnische „Kellnerei Neersen und Anrath„ zur Verwaltung des VermOgens und der Einnahmen und Ausgaben.

Der Amtmann blieb in seiner Tätigkeit. Bis 1780 wurden verschiedene Nachfolger ernannt. 1780 trat ein Mastiaux als Amtmann von Neersen diese Stelle gegen eine Entschädigung von 5000 Reichstalern an Karl Josef Lenders ab. Es wird von seiner Arbeit als Amtmann von Karl Josef Lenders berichtet, dass er sich nicht gescheut habe, die zu Arbeiten zugeteilten Leute auszunutzen und die Anordnungen zu seinem Vorteil auszulegen. Es gab danach Beschwerden in Köln.

Als 1784 die Franzosen das linke Rheinufer besetzten  sie waren am 9. Oktober 1794 auch in Neersen und Anrath einmarschiert  verstand es Lenders bald, sich bei den neuen Herren Liebkind zu machen und mit ihnen zusammen zu arbeiten. Das ging so weit, dass er besonders die Verordnungen zur Entfernung der Kreuze in der Öffentlichkeit bei der Bevölkerung durchsetzen wollte.

Schließlich versuchte er alles, auch die Pfarre nach Neersen zu holen. Bis dahin bestand dort ein Kloster der Minoriten mit einer Kapelle. Mit Hilfe der französischen Besatzung gelang es ihm, den Ort als Pfarre einzurichten. Das Besetzungsrecht der Pfarrstelle Anrath stand seit altersher der Abtei Deutz zu; Heribert von Deutz hatte seiner Klostergründung Deutz dieses Recht zugestanden, und auch die Abgaben gingen nach Deutz. Als Neersen selbständige Pfarre wurde, konnte Lenders nur erreichen, dass sein Kandidat für die Pfarrersstelle, der Anrather Spennes, Pfarrer von Anrath wurde.

Nach der Bildung der Kantone durch die französische Verwaltung wurde Lenders am 19. Februar 1798 „Commissaire executif“ für den Kanton Neersen. Die Kommissare brachten in Ergebenheitsadressen an den von der französischen Herrschaft ernannten General Rudler zum Ausdruck, dass sie mit der französischen Republik vereinigt werden wollten; dies geschah von Neersen aus unter der Leitung des „Citoyen“ (Bürgers) Lenders. Vor dem Neersener Schloss wurde der übliche „Freiheitsbaum“ gepflanzt, für die Bürger ringsum ein Anlass zu Spott und Verachtung.

Als dann die Enteignung des Klosters und die Aufhebung des geistlichen Besitzes angeordnet wurde, wurde auch das Schloss Neersen als geistliches Gut eingezogen. Lenders kaufte es für 20 000 Taler den Franzosen ab und erwarb gleichzeitig Haus Hülsdonk, das dem letzten Virmond gehört hatte.

Die Ereignisse in Frankreich ließen auch die Entwicklungen im Rheinland nicht unberührt. Nach dem Sturz des Direktoriums in Paris im Jahr 1799 legte Lenders sein Amt nieder und betätigte sich als Notar. 1810 trat er entschieden für die Übergabe des früheren Minoritenklosters mit Kirche an die Gemeinde Neersen ein, die Schenkung kam 1812 zustande. Lenders zog in der Folgezeit nach Bad Godesberg und Bonn. Das Neersener Schloss blieb bis 1850 im Besitz seiner Kinder.




Aus dem Heimatbuch 1990:

1789 und die Folgen

von Sibille Jäger

Im Jahr 1989 hat Frankreich die 200-Jahr-Feier der Französischen Revolution begangen, einer Revolution, deren Folgen und Wirkungen ganz Europa betrafen. Wir sollten uns erinnern, daß wenige Jahre nach dem Beginn dieser Revolution am 14. Juli 1789 diese Folgen für uns unmittelbar eintraten:

- Besetzung des Rheinlandes,
- Neuordnung der Verwaltungsbezirke
- Aufhebung der Besitzverhältnisse
- Einführung des Code Napoleon.

Es begann der Krieg, der bald ganz Europa überzog. Am Ende war nichts mehr wie vorher: Es gab keine Kurfürsten mehr, die Klöster waren aufgehoben, der Kirchenbesitz enteignet, unser Dorf und die Honschaften, die zu Liedberg, zu Oedt und zu Neersen gehört hatten, gerieten mit dem ganzen Gebiet unter preußische Verwaltung.

Vielleicht sind ein paar „Geschichten zur Geschichte“ geeignet, Schlaglichter auf das zu werfen, was sich hierzulande vor 200 Jahren ereignet hat. Die Texte entstammen alten Urkunden.

Aus einem Tagebuch im Besitz Familie Bongartz, das vor allem Geburts- und Sterbedaten, daneben aber auch Notizen über Verpachtungen und Verkäufe enthält:

Auf das Jahr nach Christi Geburt 1795 ist eine große Teurung gewesen das ein pont salß hat gekost 15 steuber und ein Brod von Koren hat gekost die 15 pont 50 52 56 58 st und ein pont Kafe bone 75 st...

Anno 1795 d 6ten Tag September des nachts ein halber 12 haben sie angefangen zu bomerderen die franzosen auf dieser seyt dem Rhein und die Kaeyserleyge auf der ander seyt die franzosen seynd dar über gezogen und seynd auch darüber geflohen...

Auf das Jahr Christi Geburt Anno 1800 d 2 tag Februar auf maria ligmes tag haben wir Johannes engelen mit maria adelheid ling getraut in anrath nach dem christilen Bruch

alsdan war es hir eine frantzeseregerung alsdann haben wir uns müssen aufschreiben lassen und lassen trauen. unser alter war Johannes engelen war alt den 18 Mertz gebohren er war alt 25 Jahr. ich maria adelheid ling war alt 24 Jahr.

Aus der Franzosen-Zeit
1794 - Extract aus Baiertz
(Abschrift des Hauptlehrers Verres, Neersen, 1873 aus alten Akten)
5. Oktober Nachmittags von Willich Chasseurs von Ulingerb. Tagebuch des Vicars Joh. Pet. Kamp zu Willich, später Pastor zu Schiefbahn

Dritter Jahrestag der Revolution - 14. Juli 1792 -
Der Freiheitstraum wird auf dem Marsfeld in Paris entzündet. Am 20. April 1792 war der Krieg gegen Österreich erklärt worden, und die Aussicht, gegen Österreich und Preußen zu kämpfen, inspirierte Oberst Rouget de Liste zu dem Kampflied, das als „Marseillaise“ bekannt und dann die Hymne der Revolution wurde. (Zeichnung Prieur, Stich Berthault)

1794 5. Oct. Nachmittags 3 Uhr anblick roth. Husaren, Chasseurs. Der Dram der französischen Armee fing zu Kaarst an u. ging bis Coblenz (doch auch bei Vierschen)

Es hieß Les pais conquis entre Meuse et Rhin. Liberté, Egalité, Fraternité. Tod den Tyrannen. Heil den Hütten. Wir geben euch die Freiheit. Glückliches Land.

Der Soldat bekommt keinen Schlag, nur Prison. Der Franzos war nit so bös als man glaubte, gütiger als der Teutsche. Mit Schmeicheln bekömmt er alles, mit Schläg der Teutsche. Im Quartier höflich, wenn man ihm höflich begegnet. Der Teutsche bleibt barbarisch. 960 Mann haben wir bis 1797 einquartiert und alle mit Wehmut Abschied genommen. Der Gottesdienst nit gestört. Die Felder verschont. Krieg bringt Exzessen, bleibt wahr. Wo eine Division lagert, o Elend! Der Franzos hatte nichts, keine Kleider, keine Schuhe, kein Geld, nur Assignaten. Requisition war das Wort, so ihm alles gab, Kühe, Schaafe, Pferd, Kapitalien, Korn, Wein, Haber, Stroh, alles, alles wurde gesetzt in Requisition. Hand- und Spanndienste fingen an ohne Zahl. Nov. 2. kamen 2 Divisionen Lefevre u. Morlan bei Crefeld u. Fischeler Landwehr in Baraquen.

Nov. 13 ging Lefevre nach Wesel zu, u. es kamen bei Morlan noch 2 Divisionen. D'hardi lag zu S. Thome u. Championnet, dieser lag auf'm Schloß Neersen. Diese 3 Divisionen 50 000 M. lagerten in Baraquen von Langenfelds bis an die Lehmheide u. um die Gath.

N. 26. 13 Tage hat hier das Plündern gedauert. N.B. sie suchten Victualien u. Fourage.

1795 6. Sept. Übergang des Rheins. Lefevre am Eichelkamp, Championnet an den Steinen (Hamm).

1796 28 Floreal Sequenzirt hier alle geistliche Güter, so daß der Geistliche nichts bekam. Pinneau zu Achen war der ausführende Minister gegen die Geistlichkeit.

Rastadt 32. Seesion. 1798 9. März ist dieses Land das ganze linke Rheinufer an Frankreich abgetreten worden. Zu Cöln 20. März 30. Ventose, deswegen das Fest der Volkssouveränität gefeiert worden.

98 20. April. Zu Neuß die Kreuze auf den Wegen und Thürmen fort, den 22. hier auch publiziert

1798 10. Mai 22 Praereal

Von der Kanzei publiziert ein gottloses Arreté. Die Güter der Geistlichen in direte, d. h. unter dem Namen der Schuldner der Domainengüter sequestrierend Imo gegeben durch den Regierungskommissair Stadtler Mainz 16./3.98. ildo erklärt Aachen den 28/5 98 Gott hilf uns.



Überquerung des Rheins bei Düsseldorf durch französische Truppen am 20. Fructidor III = 12. September 1795
Französische Truppen besetzten nach der Eroberung Belgiens und der Niederlande das linke Rheingebiet (Aachen, Köln) und zogen über den Rhein. Aus der Abbildung läßt sich nicht entnehmen, wo dieser Rheinübergang erfolgte. (Zeichnung Swebach-Desfontaines, Stich Malapeau)

Hieraus folgt: 1. das linke Rheinufer französ. 2. Abbrechung aller Kreuzer. 3. Ausleerung aller Klöster. 4. Einführung des französ. Kalenders. 5. Also Abstellung der Sonn- und Festtage. 6. u. des öffentlichen Gottesdienstes. 7. Einführung der Dekade. Keine Messe an Werktagen. 9. 1 oder 2 M. auf Dekaden. 10. Abrechnung aller Renten. 11. Unterhaltung der Geistlichen von der Gemeinde. 12. Ein oder 2 Geistl. in der Gemeinde. 13. Verbot schwarzer Kleidung.

1798 Sept. Herr Spennes zu Anrath und Pater Guardian zu Neersen Prossession der Pastoraten genommen. Durch Befehl der Centralverwaltung zu Aachen u. auf Betreiben Herrn Lenders, Amtmann zu Neersen, jetzt commissar. executirt.

1800 hier soll die völlige Organisation stattfinden. 0 Zeiten. Vor 10 Jahren lebten wir im gelobten Lande (Gustav Adolf nannte den Rhein die Pfaffenstraße), heute im größten Elend.

1800. 9. Nov. Die hölländische Armee p. Süchteln, also durch das Unterbruch am Pfuhl vorbe / jedenfalls Franzosen. Schiefbahn, Willich marschirt zu Düsseldorf über den Rhein.

1802 Aufhebung des Mönchthums u. der Stifte in den 4 Departements. 1804. 12/9. Napoleon in Crefeld. Monge besichtigt das Schiefbahner Broch wegen des Kanals.

1805. 20. Juli. Verbot Gemeinde-Gründe zu verkaufen.


Brief wegen der Kreuze (Aktenabschrift durch Hauptlehrer Verres, Neersen, 1873)
(Der Briefschreiber Lenders war von der französischen Verwaltung auf Schloß Neersen als Commissair eingesetzt.)
Lenders an den Agenten Ruhr-Departement
Kanton Neersen
Freiheit Gleichheit
Neersen 2 Thermidor 6. Jahres
Der Commissair des vollziehenden Directoriums an den Agenten zu Willich

Bürger Agent!
Es ist zu bewundern, daß ohnerachtet des lhnen geschehenen Auftrags u. öffentlicher Verkündigung Ich doch noch die Aufstellung der Religionszeichen aller Orten im Kanton bemerken muß, als wenn lhnen gar nichts bedeutet seyn. Ich glaube aber, daß die Mehreßen (Menschen?) sich vorstellen, es wurde die alte Ordnung der Dinge wieder eintreten, mithin seyn dieses eine überflüssige Arbeit. lch setze diesen Fall (was doch fast ohnemöglich ist) was ist leichter, als jene alsdannwieder dahin zu stellen. Bleiben wir französisch, so wird ja eher nicht geruht bis diese Zeichen alls weggeräumt sind. Warum dann lhre Gemeinde in unabsehbare Kosten stürzen oder wie zu Kempen gar Aufruhr zu erwarten, Anlaß zu geben. Es ist e unumstößlicher Grundsatz der Republik, keinem Menschen, viel weniger einer Religion die geringster Vorzüge im öffentlichen einzuräumen. Melden Sie also allen Kreuzeigenthümern in meinem Namen, diese Mondtag fortschaffen zu wollen, u. reichen mir das Verzeichnis jener Kreuzer am Mittwoch ein, welches die Eigenthümer fortzuschaffen sich weigern oder durch einen sonstigen Zufalle sind stehen geblieben.

Gruß u. Freundschaft
Lenders

1798 Die Kreuze auf den Kirchen durch Querhölzer in einen Stern verwandelt. Das auf der SteIle des jetzigen Neers. Kirchhofs am Wege stehende Kreuz ließ Lenders auf das Inselchen im Weiher bringen.


Aus alten Archiven
Abschrift durch Hauptlehrer Verres, Neersen, 1873
Versiegelung der Kircheneffekten

Samstag den 21, Messidor zehnten Jahres der ein u. ungetheilten Franken Republik ich unterzeichneter Johann Gotfried Spennes Dele girter Commissaire zur Versiegelung der Effekten, Register, Titel und Papieren der pfarregem., Kapellaneien, Vicarien u. sonstiger in der Mairie Neersen bestehenden Beneficium hab mich zu dem pfarrer von Neersen begeben, ihm meinen Commissariat bekannt gemacht, welcher sodann erkläret hat, daß die Register, Titel u. Papieren der Pfarrey sowohl als der bei Neersen gelegenen Kapelle, genannt Kleinjerusalem, welche der Pfarre von Neersen incorporirt ist, in der Versiegelung der Kloster-Archiven, die vor einigen Tagen in dem Kloster zu Neersen stattgehabt hatte, mit einbegriffen wären, worauf ich die übrigen Effekten der pfarrey in dem jene von Kleinjer nur in wenigen zum Täglichen Gottesdienst nötigen Kleidern bestehen, deren Verzeichniß hierbei gesetzt ist, in der Sacristey in einem Kasten gehörig unter Siegel gelegt habe.

Worauf ich dem Bürger Leopold Eggerath Pastoren von Neersen erklärt habe, daß ihm die Aufsicht über erwähnte Siegel übertragen wäre.

J.G. Spennes

Commissaire

In Anrath am selben Tage, wo der Kapellan sich jedoch weigerte.
(Urkundenabschrift, gesammelt von Fr. Verres, Hauptlehrer in Neersen, 1873)
Aus dem Kirchen-Archiv 12.7.73
Gladbach, 15. fructior 11. Jahres
Der Maire von Gladb.
den Bürger Maire in Anrath

Bürger,
da der dritte Trimester, wofür im hiesigen Kanton Residierenden Werbunteroffizier seine entschädigung erhalten hat, verflossen ist so habe ich auf dessen anstoßen nach der von uns gemeinschaftlich angenommenen Basis eine Vertheilung für den vierten Trimester gemacht, wovon sich ihr Antheil nach beiliegender tabelle mit 3 fr. 6 cent. beläuft den sie besagtem werbeunteroffizier gegen schein beliebigst auszahlen wollen.


Siegel: Mairie de Gladbach
Lambertz
(Urkunden-Abschrift des Fr. Verres, Hauptlehrer in Neersen, 1873)