Quelle: Bürgerverein Anrath e.V. | www.buergerverein-anrath.de | Stand: 02. Jan. 2016

RP-Serie „1000 Jahre Anrath“ Teil 9

Die Rettung - es geht aufwärts

Von Hans Kaiser - Ende des 19. Jahrhunderts steht Anrath infolge massenhafter Arbeitslosigkeit und massiver Schäden durch einen Wirbelsturm vor der Auflösung. Der Rat kapituliert vor den Problemen und schlägt vor, die Gemeinde auf Vorst und Willich aufzuteilen. Aber die wollen das „Armenhaus“ nicht, auch die Bezirkregierung lehnt die Aufteilung als unzweckmäßig ab.

Bald steht Anrath unter Strom: Arbeiter auf dem Kirchplatz beim Aufstellen eines Lichtmastes, um 1901.

Die Rettung bringen die gezielte Ansiedlung von Industrie, Unterstützungsprogramme der Provinzregierung und nicht zuletzt auch die Einlagen der 1855 gegründeten, gut gefüllten Gemeindesparkasse. Anrath bekommt Arbeitsplätze - zunächst durch die Ansiedlung zweier großer Textilbetriebe. 1890 lässt sich die Firma Albert Dederichs & Co. in der Nähe des Bahnhofs nieder, gibt aber nach mehr als zehn Jahren auf. Glück im Unglück: 1907 nimmt ihr früherer Betriebsleiter, Jakob Krebs aus Mönchengladbach, die Produktion wieder auf und baut die Tuchfabrik zu einem schon in den zwanziger Jahren international anerkannten Unternehmen aus.

Und 1898 gelingt es Bürgermeister Horster, an der Bahnstraße die Seidenweberei von Carl Lange anzusiedeln. Sie zählt nach wenigen Jahren mehr als 1000 Beschäftigte und geht 1926 in die Vereinigte Seidenweberei A.G. (Verseidag) Krefeld über. Die verdienstvollen Betriebsgründer Krebs und Lange hat die dankbare Gemeinde 1934 durch Straßennamen geehrt, Carl Langes Sohn Hermann wurde zum Ehrenbürger ernannt.

Fünf Jahre nach dem Höhepunkt der Krise ist Anrath wirtschaftlich gefestigt - nicht zuletzt durch Staatsaufträge: Im Mai 1900 wird zur wirtschaftlichen Belebung des Ortes am Bahnhof mit dem Bau eines Staatsgefängnisses begonnen. Angeschlossen sind 61 Wohnungen für Vollzugsbeamte. 1903 ist der Komplex fertig gestellt. Die preußischen Justizvollzugsbeamten, die nun nach Anrath kommen, sind größtenteils evangelisch. Das hat Folgen: Um 1907 gibt es in Anrath 200 evangelische Christen, 115 davon leisten Dienst im Gefängnis. Drei Jahre später, am Reformationstag 1910, wird an der Gietherstraße eine von Gefängnispfarrer Karl Echternach geförderte und dann auch betreute evangelische Kirche eingeweiht.

Ebenfalls 1901 erhält die Gemeinde an der Schottelstraße ein eigenes Elektrizitätswerk - damals eine unerhörte Innovation. Ursprüngliches Ziel ist es, die verbliebenen Webstühle durch Umstellung auf elektromechanischen Antrieb konkurrenzfähiger zu machen. 1906 sind bereits 146 Stromzähler angeschlossen, 1911 74 Straßenlaternen und 277 Privatwohnungen.

Am 14. Oktober 1906 wird an der Neersener Straße ein modernes Krankenhaus eingeweiht. In dem Neubau, der aus zwei Flügeln besteht, finden an die 80 Personen Aufnahme. Kranke, Alterspfleglinge und Kinder sind jetzt getrennt untergebracht. Am selben Tag findet die Einweihung des neuen Rathauses statt. In den vergangenen 18 Jahren war die Verwaltung in vier verschiedenen Mietshäusern hintereinander untergebracht. Der Neubau ist am Standort des Lorenz-Schmitz-Hauses, des alten Krankenhauses, errichtet worden.


erschienen in der Rheinischen Post am 30.09.2010