Quelle: Bürgerverein Anrath e.V. | www.buergerverein-anrath.de | Stand: 10. Jul. 2013

RP-Serie "1000 Jahre Anrath" Teil 8

Am seidenen Faden

Von Hans Kaiser - Im 19. Jahrhundert war ein Großteil der Anrather Bevölkerung in der Textilindustrie tätig. Die großen Fabriken in den Nachbarstädten brachten die Handweberei aber zum Erliegen. Eine Naturkatastrophe gab dem Ort den Rest.

Eine Weberfamilie bei der Arbeit: Das idyllische Bild verdeckt die Primitivität der Arbeits- und Lebensbedingungen im Weberhäuschen. Bilder (2): Stadtarchiv

Anrath galt als "Dorf ohne Land". Die fruchtbaren Böden der alten Honschaft Kraphausen (Holterhöfe, Darderhöfe, Sitterheide) gehörten bis 1914 zu Willich. Das hatte Folgen für die wirtschaftliche Entwicklung. Während das Willicher Dorf großenteils aus Bauerngütern bestand, übten schon 1660 zwei Drittel der Anrather Erwerbstätigen ein Handwerk aus. Willich verfügte 1858 über 11 000 Morgen Ackerfläche, Anrath nur über 2000 - bei fast gleicher Einwohnerzahl.

Im Ort florierte, bis sie um 1820 von der Baumwolle verdrängt wurde, die Leinenweberei. Seit 1760 begannen Krefelder Textilherren, Anrather Dorfbewohnern Webstühle und Werkzeuge zur Verfügung zu stellen, damit die im Verlagssystem, also als eine Art Subunternehmer, für ihre Auftraggeber Seidenstoffe und Applikationen produzierten.

Drei Viertel arbeitslos

Daher verdiente im 19. Jahrhundert ein wesentlicher Teil der Anrather Bevölkerung seinen Lebensunterhalt mit Spinn-, Spul- und Webarbeit vor allem von Samt und Seide - mehr als irgendwo anders in der Umgebung. Aber die billige Konkurrenz aus dem In- und Ausland und die Schwankungen der Mode stießen die Weber immer wieder in die wirtschaftliche Krise.

Anfang der 1890er Jahre haben die Krefelder und Gladbacher Fabriken mit ihren mechanischen Webstühlen die Handweberei in Anrath praktisch zum Erliegen gebracht. Drei Viertel der Bevölkerung sind arbeitslos und empfangen Armenunterstützung. Die Dorfbevölkerung ist von 4134 Einwohnern in 1881 auf 3690 zehn Jahre später geschrumpft.


Der zerstörte Hof Hax im Clörath nach dem Wirbelsturm vom 1. Juli 1891.

Eine Naturkatastrophe gibt dem Ort den Rest. Es ist Mittwoch, der 1. Juli 1891, 17 Uhr: Über Anrath zieht ein schweres Gewitter auf. Regen- und Hagelschauer gehen über dem Ort nieder. Die Einwohner inspizieren noch ihre verwüsteten Gärten und Felder, da dreht sich in der südwestlichen Nachbarschaft, bei Boisheim, eine Windhose hoch. Mit ungeheurer Wucht stürzt sie von den Süchtelner Höhen hinunter und zermalmt alles, was ihr im Wege steht. In Anrath werden 20 Häuser mit Nebengebäuden zerstört oder schwer beschädigt - vor allem an der Viersener und Krefelder Straße. Kein Haus mehr, das noch sein Dach trägt. Sofort setzen Spenden ein, um die Obdachlosen unterzubringen und mit den Aufbauarbeiten zu beginnen. Im verarmten Anrath wird die unglaubliche Summe von 70 000 Mark aufgebracht. Am 8. Juli besichtigt der Düsseldorfer Regierungspräsident die Unglücksstätten - auch in Süchteln und Neersen.

Im Winter 1894/95 steigt die Not aufs höchste. Der Anrather Gemeinderat hält seine Gemeinde nicht mehr für lebensfähig und beschließt, ihr Gebiet Willich und Vorst zuzuteilen. Aber die Nachbargemeinden lehnen eine Angliederung des "Armenhauses" Anrath ab. Unter der verhärmten Bevölkerung macht sich der demoralisierende Einfluss von Armut und Arbeitslosigkeit bemerkbar. In der Nachbarschaft geht der Spitzname "Stehl"-Anrath um. Unverhofft kommt die Wende.


erschienen in der Rheinischen Post am 14.09.2010