Quelle: Bürgerverein Anrath e.V. | www.buergerverein-anrath.de | Stand: 10. Jul. 2013

RP-Serie "1000 Jahre Anrath" Teil 6

Neersen - Anraths Nichte an der Niers

von Hans Kaiser - Schloss Neersen und seine Festspiele, die Wallfahrtskapelle Klein Jerusalem - es gibt einiges, was den Stadtteil Neersen über die Grenzen der Stadt Willich hinaus bekannt macht. Weniger bekannt ist allerdings, dass die Entstehung Neersens in Anraths mittelalterlicher Gerichtsverfassung wurzelt.

Die Neersener Burg, Vorgängerin des heutigen Schlosses, im 15. Jahrhundert: Ihre Besitzer übten das Amt des Vogtes am Anrather Gericht aus, woraus sich eine enge Verbindung der beiden Orte ergibt. Abbildung: Stadtarchiv

Herr über das Stadt Willicher Gebiet war im Mittelalter der Kölner Erzbischof. Als Geistlicher durfte er kein Blut vergießen - weshalb in seinem Auftrag Adelige als Schirmherren oder "Vögte" den Strafvollzug und damit auch die Vollstreckung von Todesurteilen ausübten. In der Grundherrschaft Anrath, die aus dem Anrather Dorf und den Bauernschaften Kehn und Unterbruch bestand, wurde die erzbischöfliche Vogtei von den Herren von Neersen wahrgenommen.

Vögte des Gerichts

Als Vögte des erzbischöflichen Gerichts zu Anrath führten sie, wenn jemand sich straffällig gemacht hatte, dessen Verhaftung durch. War ein Übeltäter von den erzbischöflichen Schöffen des Anrather Hochgerichts zum Tode verurteilt worden, organisierte der Vogt seine Hinrichtung, die spätestens seit 1474 am Schwarzen Pfuhl stattfand. Diese Rechte, die sie zunächst nur als Vollzugsorgan durchführten, haben die Neersener Vögte in Jahrhunderte langer Kleinarbeit zu einer eigenen Herrschaft ausgebaut - der Herrlichkeit Anrath-Neersen. Sie umfasste schließlich die volle Gerichtshoheit über die Einwohner der Dörfer Anrath und Neersen.

Mithilfe der Einkünfte, die sie aus Gerichtsgebühren und aus den Abgaben abhängiger Bauern und Adeliger erhielten, baute sich das Rittergeschlecht in mehreren Etappen eine Burg, die wie eine Insel inmitten wasserreicher Bruchgebiete lag. Dort sicherten die Neersener Herren als Lehnsträger des Kölner Erzbischofs den Übergang über die Niers, nach der sie sich auch nannten. Aber die Wurzel ihrer Macht und ihres Besitzes war ihre Funktion als Vögte am erzbischöflichen Gericht zu Anrath.

Dorfsiedlung "Neerstrat"

Die enge Verbindung Anraths mit dem Neersener Vogt geht aus zahlreichen Dienstverpflichtungen der Anrather wie Rasen stechen und Holzfällen für die Besitzer der Burg hervor. Im Schutz der Burg, die die Neersener Herren an der Niers gebaut hatten, entstand seit dem 15. Jahrhundert an einer parallel zur Niers nach Norden laufenden Straße (der heutigen Hauptstraße) die Dorfsiedlung "Neerstrat". Dort errichteten Leibeigene der Neersener Herren, später kleine Gewerbetreibende und Handwerker, ihre bescheidenen Anwesen. Durch Heirat kam 1499 das hessische Adelsgeschlecht Virmond in den Besitz von Burg und Vogtei Neersen. Von 1661 bis 1669 baute Adrian Wilhelm von Virmond die mittelalterliche Burg Neersen zum heutigen Schloss um.

Kurzum: Ohne das erzbischöfliche Gericht zu Anrath und ohne die daraus erwachsene Vogtei Neersen würde es heute wohl kaum einen Willicher Stadtteil Neersen und sicherlich auch keine Schlossfestspiele geben.


erschienen in der Rheinischen Post am 26.08.2010