Quelle: Bürgerverein Anrath e.V. | www.buergerverein-anrath.de | Stand: 10. Jul. 2013

RP-Serie "1000 Jahre Anrath" Teil 3

Herrenhof Anrath

von Hans Kaiser - Anraths ältester "Verwaltungsverband" war eine Grundherrschaft - eine Form des Zusammenlebens, die uns heute völlig fremd ist. Im Mittelalter bestand der größte Teil der Bevölkerung aus einfachen Bauern, die weder lesen noch schreiben konnten. Eine Verwaltung in unserem Sinne oder Sicherheitsorgane wie die Polizei gab es nicht. Um wirtschaftlich und politisch in Sicherheit leben zu können und um dem verhassten Heeresdienst zu entgehen, unterstellten sich die Bauern größtenteils mit ihrem Land einem Herrn, der meist adelig war. Die Bauern leisteten diesem "Grundherrn" bestimmte Abgaben und Dienste. Im Gegenzug bekamen sie seinen Schutz und eine feste Lebensordnung.

Das Schultheißenhaus in Anrath, später Gasthof Jean Schmitz. RP-Foto: Wolfgang Kaiser

Grundherr im Anrather Bereich ist etwa seit 1000 nach Christus der Erzbischof von Köln gewesen. Sein Herrenhof hat wahrscheinlich an der Stelle des späteren Arntzerbs in Anrath gelegen. Das wurde auch Schultheißenhaus genannt und ist seit Jahrzehnten als der Gasthof Jean Schmitz bekannt. Hier residierte ein Verwalter des Erzbischofs, der die Schuld, das hießt die fälligen Abgaben und Dienstleistungen der abhängigen Bauern heischte. Von diesem "Schuld heischen" leitet sich seine Amtsbezeichnung ab: "Schultheiß".

Dienstverpflichtungen für diesen erzbischöflichen Beamten gehen noch aus einzelnen Hofesnamen der Umgebung hervor: So besorgte der Wefershof das Weben. Der Schmitzhof besaß die Schmiede, der Schlossmacherhof die Schlosserei. Die Doirmanshöfe im Kehn und im Schiefbahner Unterbruch lieferten die Dornenreiser für die Zäune. Der Bröggerhof im Kehn stellte die Brücken her und hielt sie instand. Dem Herrenhof in Anrode unterstanden die umliegenden Bauernhöfe im Kehn und im Unterbruch - dem späteren Schiefbahn.

Dem Erzbischof als Grundherrn oblag es, das Leben der von ihm abhängigen Menschen zu organisieren. Er hatte für Recht und Ordnung zu sorgen, das heißt, er war ihr Gerichtsherr. Er war aber auch für ihre Seelsorge verantwortlich; deshalb war die alte Anrather Pfarrkirche zunächst eine Eigenkirche der Anrather Grundherrschaft. Der Seelsorgebezirk der Anrather Kirche beschränkte sich aber nicht auf die zur Anrather Grundherrschaft gehörigen Honschaften Kehn und Unterbruch. Er umfasste auch Clörath und Hagen bei Oedt und Kleinkempen. Diese uralten Beziehungen haben noch lange nachgewirkt. Erst 1548 wurde die Schiefbahner Pfarrkirche von Anrath unabhängig, die Neersener erst 1798.

Der Herrenhof war Zentrum und Ausgangspunkt der bäuerlichen Siedlung im mittelalterlichen Anrode. Seine Gehöfte müssen die ersten Gebäude im heutigen Anrather Dorfbezirk gewesen sein. Aber zur Keimzelle des Dorfes wurde die in der Nähe des Herrenhofes errichtete Kapelle, die der Erzbischof um 1010 zur Pfarrkirche erhob. Hier trafen sich die umwohnenden Bauern zum Gottesdienst. Ein anderes häufiges Ziel waren die Sitzungen der erzbischöflichen Gerichte; sie fanden im Herrenhof bzw. unter der Linde hinter der Kirche statt. Der regelmäßige Treffpunkt führte zur Ansiedlung von Handwerkern und Gewerbetreibenden hinter dem Turm der alten Kirche - erste Etappe der Dorfsiedlung.


erschienen in der Rheinischen Post am 10.08.2010