Quelle: Bürgerverein Anrath e.V. | www.buergerverein-anrath.de | Stand: 10. Jul. 2013

RP-Serie "1000 Jahre Anrath" Teil 2

Eine Siedlung im Urwald

von Hans Kaiser - Anrath bekam um 1010 seine eigene Pfarrkirche, um die Lebensqualität der Pfarrkinder zu verbessern. Denn ursprünglich gehörten die Gebiete von Anrath, Willich, Schiefbahn und St. Tönis zu einem riesigen Seelsorgegebiet, dessen Zentrum die St. Peterskapelle bei Kempen war. Dorthin mussten die Anrather bei Wind und Wetter pilgern, um die heiligen Sakramente zu empfangen. Das brachte neu geborene Kinder auf dem Weg zur Taufe sogar in Lebensgefahr und hinderte viele alte Menschen am Gottesdienstbesuch.

Die St. Johannisschüssel aus der alten Anrather Pfarrkirche, 1668 gestiftet, zeigt das Haupt des Heiligen Johannes, der wegen seiner Berühmtheit auf Geheiß des Herodes enthauptet wurde. Foto: Stadtarchiv

Gefühl der Zusammengehörigkeit

Nun wurde eine Kapelle, die es damals schon in Anrath gegeben haben muss, aus dem Kempener Bezirk ausgepfarrt und bekam pfarrkirchliche Rechte. Wichtig: Durch das neue Seelsorgezentrum entwickelten die umwohnenden Bauernschaften fortan das Bewusstsein einer gemeindlichen Zusammengehörigkeit. Das kleine Gotteshaus war auf einer Anhöhe errichtet worden - einer Sandanschwemmung. Sie war der höchste Punkt einer Ackerflur, einer Rodung, die die mittelalterlichen Ansiedler in den wild wachsenden Eichen- und Buchenwald geschlagen hatten - in einen regelrechten Urwald, den nur ab und zu Heideländerei unterbrach. In Abständen ragten auf der gerodeten Fläche einfache Holzhäuser auf, wo Menschen und Tiere unter einem Dach wohnten. Ausgangspunkt dieser Siedlung war ein Herrenhof, der dem Erzbischof von Köln gehörte.

Einen Namen hatte die verstreute Siedlung auch schon: "Anrode". Die Bezeichnung kann unterschiedlich gedeutet werden: Als "An der Rodung", "Begonnene Rodung" oder als eine Zusammenfassung von "Hain" und "Rodung". Wie auch immer: Später wurde Anrath daraus. Im Vergleich zu den Hofgruppen, die sich in der östlichen Nachbarschaft um die Kirche bei "Wileke" gruppierten, war die Anrather Rodung recht jung. Die Bodenkarte des Geologischen Landesamtes und die Karten der Siedlungsfunde in der 2003 erschienenen Willicher Stadtgeschichte sprechen da eine eindeutige Sprache.

Im Alt-Willicher Raum hatte die fruchtbare Lösslehmerde schon in römischer Zeit zu Siedlungen geführt. Hier verlief auch eine Überlandstraße, die ohne Rücksichtnahme auf landschaftliche Gegebenheiten schnurgerade vom Kastell in Gellep an Neersen vorbei südwestlich nach Tongern führte.

Am Rande des Nierstals

Anrath hingegen nahm seinen Ursprung abseits der Fernverkehrsstraßen am Rande des sandigen Tals der Niers, die als Nachfolgerin eines uralten Rheinlaufs sehr breit und in Windungen durch die Gegend verlief. Hier waren die Böden infolge des hohen Grundwasserstands noch lange von Bäumen, Sträuchern und Wiesen bestanden.

Wahrscheinlich ist das Anrather Gebiet erst in der nachfränkischen Periode des Landausbaus im 10. und 11. Jahrhundert besiedelt worden. Wenn nicht alles täuscht, wurde das hochmittelalterliche Ur-Anrath auf einem Fleck sandiger Braunerde am nordöstlichen Ufer eines uralten Rheintals kultiviert - dem einzigen Areal in der sumpfigen Bruch-Niederung, auf dem sich die mühsame Rodung damals lohnte.


erschienen in der Rheinischen Post am 03.08.2010