Quelle: Bürgerverein Anrath e.V. | www.buergerverein-anrath.de | Stand: 10. Jul. 2013

RP-Serie "1000 Jahre Anrath" Teil 12

Keine Chance für Stadt Anrath

Von Hans Kaiser - Nach dem Zweiten Weltkrieg macht sich auch Anrath an den Wiederaufbau. Das Leben war hart. Langsam ging es aufwärts. Ein großer Traum erfüllte sich aber nicht: Anrath wurde keine Stadt, sondern Bestandteil von Willich.

1948: Auf dem Hof der Anrather Alleeschule erhalten Kinder eine warme Mahlzeit.

2. März 1945: Mit der Besetzung durch die Amerikaner ist für Anrath der Zweite Weltkrieg vorbei. Die Ernennung eines 18-köpfigen Gemeinderats durch die englische Militärregierung, der erstmals am 3. Januar 1946 tagt, markiert den politischen Neubeginn. Am 18. Juni 1946 wird unter dem Vorsitz von Peter Leven der Ortsverein einer Partei gegründet, die die nächsten Jahre dominieren wird: die CDU. Bei den ersten Kommunalwahlen am 15. September erhält sie 13 von 15 Sitze und besetzt mit Willi Krebs das Bürgermeisteramt. Er wird es 23 Jahre lang ausüben.

Viele aus dem Osten

Mangel an allen Versorgungsgütern und Wohnungsnot prägen die Nachkriegszeit. Im Hungerwinter 1946/47 wendet die Gemeinde mehr als die Hälfte ihrer Ausgaben für die Fürsorge auf. Damit nicht genug, fällt am 27. Juli 1947 bei der Tuchfabrik Jakob Krebs die gesamte Zwirnerei durch einen Großbrand für ein Jahr aus - und damit ein beträchtlicher Teil der Gewerbesteuer. Bald setzt der Zustrom der Flüchtlinge und Vertriebenen ein. Bis 1953 bestehen drei Aufnahmelager. Erst Mitte der 50er Jahre nimmt die Wohnungsnot ab, vor allem durch den Bau der "Schlesiersiedlung" in der Donk. Sie umfasst 38 Nebenerwerbsstellen - Wohnstätten mit Länderei zur landwirtschaftlichen Selbstversorgung.

Im November 1954 stammen mehr als 1200 Einwohner - rund 14 Prozent der Bevölkerung - aus den verlorenen Ostgebieten. Einer, der sich engagiert dafür einsetzt, dass sie hier eine neue Heimat finden, ist Walter Perseke, Obmann der Anrather Landsmannschaft der Schlesier. Für seine soziale Arbeit erhält er 1989 das Bundesverdienstkreuz.

Anrath ist immer noch abhängig von der Textilindustrie. Und deren Niedergang zeichnet sich Ende der fünfziger Jahre ab. Doch die Ansiedlung anderer Gewerbe gelingt nicht - von dem Polstermöbel- und Matratzenhersteller Schmitz (1961) abgesehen. Mangelnde Infrastruktur, niedrige Löhne lassen vor allem junge Menschen abwandern. Ein Ausweg scheint der Zusammenschluss der kleinen Gemeinden zu leistungsfähigeren Gebilden. Da tun sich Anrath und Neersen zusammen und unterzeichnen am 26. Januar 1968 einen Vereinigungs-Vertrag. Wichtigstes Argument ist die historische Verbindung der beiden Gemeinden, wie sie in der sechsten Folge dieser Serie beschrieben wurde.

Aufgehört zu bestehen

Aber zur "Stadt Anrath" kommt es nicht. Auf einer Fahrt durch das spätere Willicher Stadtgebiet am 24. April 1968 befürwortet Regierungspräsident Bäumer die heute geltende Lösung. Als am 1. Januar 1970 die Neugliederung in Kraft tritt, verabschiedet sich der scheidende Anrather Bürgermeister Josef Brockmanns von seinen Mitbürgern mit den Worten: "Nach der Entscheidung des Landtages hat Ihre eigenständige Gemeinde am 31.12.1969 aufgehört zu bestehen."

erschienen in der Rheinischen Post am 23.10.2010


----- Ende der Serie -----


Das Geschichtsbuch

Er ist der Nestor der Anrather Ortsgeschichtsschreibung: Dr. Gottfried Kricker, in Anrath geboren und Abteilungsleiter der Kölner Universitätsbibliothek.

Nach der Pensionierung machte er sich mit Akribie an eine Aufarbeitung der heimischen Historie und brachte 1959 die "Geschichte der Gemeinde Anrath" heraus, die aber auch wichtige Aspekte der alten Pfarre Anrath und damit der Willicher, Vorster, Neersener, Oedter, Schiefbahner Geschichte beschreibt. Ein Jahr später zum Ehrenbürger ernannt, starb er am 17. Januar 1972.

Zum 100. Geburtstag des Verfassers sorgte der Anrather Bürgerverein 1986 für eine Neuauflage des vergriffenen Standardwerks. Es kann über den Shop für 10 Euro bezogen werden.