Quelle: Bürgerverein Anrath e.V. | www.buergerverein-anrath.de | Stand: 10. Jul. 2013

RP-Serie "1000 Jahre Anrath" Teil 10

Krisenjahre in Anrath nach dem Krieg

Von Hans Kaiser - Das 20. Jahrhundert beginnt für Anrath erfreulich. Der Sportplatz in der Donk wird gebaut. Nach dem Ersten Weltkrieg steht der Ort aber unter belgischer Besatzung. Es folgen die Krisenjahre der Weimarer Republik.

Besatzungszeit: Eine belgische Feldküche in Anrath. Foto: Stadtarchiv

Das frühe 20. Jahrhundert sieht Anrath im Aufwind. 1912 wird zum Regierungsjubiläum Kaiser Wilhelms der Bau eines Sportplatzes in der Donk begonnen. Im Sommer 1914 ist die Anlage mit Sporthaus und Schießstand fertig gestellt. Der gleichzeitige Ausbruch des Ersten Weltkrieges verhindert weitere Projekte. Aber der Krieg geht verloren und bringt Deutschland schwere Belastungen in Form von Gebietsabtretungen, Kriegsentschädigungen an die Sieger, politische Zerrissenheit.

Anrath steht fortan unter belgischer Besatzung. Am 9. Dezember 1918 trifft ein schwer bewaffneter Vortrupp ein, nimmt die bereits eingesammelten 300 Handfeuerwaffen - meist Jagdgewehre - in Verwahrung. Am Morgen des folgenden Tages ziehen unter gellendem Hörnerklang die ersten Garnisonstruppen durch den Ort. Eine Anzahl von Einwohnern ist als Geisel genommen worden, muss nun, als "lebende Schutzschilde", zur Sicherung des Einmarsches an den Straßenrändern Aufstellung nehmen. Allerdings denkt niemand daran, auf die Besatzer zu schießen.

Kriegsrecht mit Ausgehverbot

Die Fremden in den gelbbraunen Mänteln finden Unterkunft in Schulen, Sälen und privaten Quartieren. Ihr Kommandeur, Major Demolder, logiert bei Familie Lücker, Viersener Straße 26. Jetzt gilt das Kriegsrecht: Ausgehverbot ab 20, später ab 22 Uhr; Versammlungsverbot für mehr als zehn Personen; Pressezensur und die Verpflichtung, die belgischen Fahnen respektvoll zu grüßen, andernfalls wird einem der Hut vom Kopf geschlagen.

1919 wird die etwa 600 Mann starke Anrather Garnison, bestehend aus zwei Infanteriekompanien und einer Artillerie-Abteilung, bis auf ein unbedeutendes Kommando abgezogen. Als auch das in der Nacht zum 1. Februar 1926 den Ort verlässt, treffen sich die Bürger auf dem Marktplatz zu einer spontanen Freudenkundgebung.

Das Krisenjahr 1923 treibt die Weimarer Republik, Nachfolgerin des Kaiserreichs, an den Abgrund. Die Inflation galoppiert: Im November kostet ein Brot 260 Millionen Mark (Vorkriegspreis: 14 Pfennig.) Um das untergegangene Metallgeld zu ersetzen, gibt die Anrather Verseidag Notgeld heraus - so genanntes "Lange-Geld". Am Niederrhein proklamieren Separatisten, unterstützt von den Siegermächten, eine "Rheinische Republik". Ein autonomes Rheinland soll, losgelöst vom krisengeschüttelten Deutschen Reich, raschen Wirtschaftsaufbau durchführen. Doch die Separatistenbewegung scheitert am Widerstand von Behörden und Bevölkerung.

Die Separatisten kommen

Anfang Oktober fahren, von Krefeld kommend, Lastwagen mit Separatisten vor der Strafanstalt vor, um diese zu "übernehmen". Aber vor ihnen steht die schussbereite Phalanx der Zuchthausbeamten, hinter ihnen sammeln sich die Arbeiter von Lange und Krebs, mit Beilen, Schaufeln und Knüppeln bewaffnet. Nach einigen Stunden geben die Separatisten auf, fahren nach Krefeld zurück.

Zwischen dem Krisenjahr 1923 und dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929 liegen die "Goldenen Zwanziger", wie man die wirtschaftliche und politische Erholungsphase der Weimarer Republik nennt. Bürgermeister Neusen lässt 1925 den neuen Friedhof anlegen, ein Jahr später das Altenheim an der Viersener Straße und 1928 die Gemeindegaststätte Haus Donk.


erschienen in der Rheinischen Post am 12.10.2010