Quelle: Bürgerverein Anrath e.V. | www.buergerverein-anrath.de | Stand: 02. Jan. 2016

RP-Serie „1000 Jahre Anrath“ Teil 1

Quellen eines Millenniums

von Hans Kaiser - Anrath feiert in diesem Jahr sein tausendjähriges Bestehen. Die Rheinische Post blickt in einer Serie auf die Geschichte der einst eigenständigen Gemeinde zurück. Ein Stadtteiljubiläum - und was dahinter steht.

Anraths alte Pfarrkirche vor ihrem Abbruch im Jahre 1897. Ihre Vorgängerin wurde laut Mitteilung eines Kempener Chronisten um 1010 gestiftet - Ausgangspunkt des diesjährigen Stadtteiljubiläums. Foto: Stadtarchiv

Das ist noch in guter Erinnerung: Ende Mai fand in Organisation des Anrather Bürgervereins ein aufwändiges Stadtteilfest statt, um mit historischem Markt und Spaziergang durch die Zeiten ein großes Ereignis zu begehen: „1000 Jahre Anrath“. Vor allem Bürgervereins-Vorsitzende Karla Meiendresch leistete dazu einen wesentlichen Beitrag. In den drei Jahren davor hatten Vorträge das Thema ins Bewusstsein gerückt, und in der Josefshalle führte eine Ausstellung, von Stadtarchivar Udo Holzenthal opulent aufbereitet, es nun noch einmal vor Augen. Anraths Millenium - was steckt eigentlich dahinter?

Es gibt zwar keine Urkunde mit der Jahreszahl 1010, die ein Anrath erwähnt. Aber es gibt eine Kempener Chronik, verfasst im Jahre 1628, in der auf Lateinisch dargestellt wird, dass der Kölner Erzbischof Heribert „um das Jahr 1010“ eine Pfarrkirche in Anrath stiftete. Ihr Verfasser ist ein glaubwürdiger Mann: Johannes Wilmius war Vikar in Kempen, er war ein Vertrauter des Erzbischofs Ferdinand von Köln - vor allem aber war er ein gewissenhafter Historiker und Chronist.

Wilmius hat im Auftrag des Kölner Erzbischofs im 17. Jahrhundert verschiedene Kirchen auf Kontrollbesuchen aufgesucht, und bei seiner Aussage über das Alter der Anrather Kirche beruft er sich ausdrücklich auf die Durchsicht von Schriftstücken im damaligen Anrather Kirchenarchiv. Daher ist seine Mitteilung einer Anrather Pfarrkirche um 1010 offenbar plausibel. Ausdrücklich genannt wird der Ortsname in einer Urkunde, die das Datum vom 3. Mai 1020 trägt und die Unterschrift des Erzbischofs Heribert von Köln.

Älteste Überlieferung

Überlieferung: Die urkundliche Erwähnung von Anrather Nachbarschaften, die es im Ansatz bereits um 1010 gegeben haben muss, ist in Westdeutschland die älteste Überlieferung einer bäuerlichen Selbstverwaltung.

Verwaltung: Denn diese Bauernschaften setzten in eigener Regie im Anrather Pfarrbezirk bei den einzelnen Höfen die Höhe der mittelalterlichen „Kirchensteuer“ auf Naturalienbasis fest, sammelten sie ein und bürgten für ihre korrekte Ablieferung. Ihre Einnehmer waren, da es noch keine Bürgermeister gab, Anraths erste Gemeindeorgane.

Hier wird die Anrather Kirche mit ihrem Zehnten als eines der Besitztümer aufgeführt, mit denen der Erzbischof die Benediktinerabtei Deutz ausstattete. Das sind Respekt gebietende Jahreszahlen, und die Anrather Kirche unterstand in alter Zeit tatsächlich der Abtei Deutz. Aber die Urkunde ist eine „Fälschung“ - in bester Absicht von einem Mönch angefertigt, um den rechtmäßigen Besitzstand der Abtei zu wahren. Ihr Inhalt stimmt zwar, aber nicht ihr Datum, denn sie wurde erst zwischen 1128 und 1160 angefertigt.

Ziemlich unbekannt ist ein drittes Dokument, das uns weit in die Anrather Vergangenheit zurückführt. Im Jahre 1211 berichtet eine Urkunde, ausgestellt von einem Schreiber der Abtei Deutz, dass es damals in der Pfarre Anrath sechs Nachbarschaften, so genannte „Burschaften“, gab. Deren Aufgabe war, von den Insassen der Pfarrgemeinde den Zehnten einzusammeln - also den zehnten Teil der Ernte, der der Kirche zur Finanzierung ihrer Unkosten zustand.

Diese sechs Bauernschaften müssen Clörath und Hagen bei Oedt gewesen sein, das Unterbruch und die spätere Niederheide um Schiefbahn, der Kehn und Kleinkempen bei Anrath. Ein Teil von ihnen wird bereits bei der Gründung der Anrather Pfarrkirche um 1010 bestanden haben. Fazit: Der Bürgerverein feiert „1000 Jahre Anrath“ zurecht, auch wenn das Jubel-Datum nur aus zweiter Hand stammt - von einem späteren Kempener Chronisten. Und Anrather Jahreszahlen sind die ältesten Daten der Stadt Willicher Geschichte, auch wenn Anrath nicht der älteste Willicher Stadtteil ist.


erschienen in der Rheinischen Post am 29.07.2010